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Coronavirus und Schwellenländeraktien – wie gross ist das Risiko?

23. Januar 2020

Die Besorgnis über eine potenzielle Eskalation des Coronavirus dominiert weltweit die Schlagzeilen. Tim Love, Investment Director bei GAM Investments, untersucht, welche Auswirkungen dies auf Schwellenländeraktien haben könnte.

Der Ausbruch des Coronavirus macht weltweit Schlagzeilen: Mittlerweile sind über 400 Erkrankungsfälle bekannt (mit steigender Tendenz) und die Zahl der Todesfälle nimmt zu. Als Manager von Aktien aus Schwellenländern (EM) ist es meine Aufgabe, zu überlegen, wie langfristige Positionen ausgerichtet sein sollten, um derartige aussergewöhnliche Ereignisse zu bewältigen. Seit dem Ausbruch der SARS-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003 habe ich kontinuierlich gewarnt, dass das Potenzial einer pandemischen Episode – abgesehen von einem massiven taktischen (nuklearen) Krieg – meine grösste globale Sorge für Schwellenländeraktien ist. Nach meiner Einschätzung könnte ein solches Ereignis grössere Auswirkungen auf diese Märkte haben als eine Bewegung des US-Dollars oder zyklische Rohstoff-/Wachstumsfaktoren.

Die zunehmend konzentrierte Urbanisierung in den Schwellenländern führte zusammen mit der rasant steigenden Nachfrage nach Proteinquellen zwangsläufig zu einer engeren Interaktion zwischen Menschen und Tieren. Dies zeigt sich insbesondere an den intensiven modernen Aufzucht- und Produktionsmethoden, die in den Schwellenländern in zunehmenden Masse zum Einsatz kommen. In Verbindung mit dem steigenden Einsatz von normalerweise für den Menschen bestimmten Antibiotika in der industriellen Tierhaltung deutet dies darauf hin, dass die Effektivität bislang zuverlässiger menschlicher Immunabwehrmechanismen zunehmend untergraben wird.

Es überrascht daher nicht, dass das Auftreten eines hoch ansteckenden Virus die Fähigkeit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und weiterer globaler Bekämpfungsmassnahmen zur Eindämmung einer Kontinente übergreifenden Ansteckung auf die Probe stellt. Angesichts der fortlaufenden Ebola-Ausbrüche im Kongo sind die WHO und die Anleger ohnehin bereits höchst wachsam.

Daher sollten die Auswirkungen des aktuellen Coronavirus Ausbruchs nicht unterschätzt werden. Insbesondere, da er einige tückische Eigenschaften aufweist:

  • Offenbar dauert es bis zu fünf Tage, bis sich Symptome zeigen. Dies macht die weltweiten Kontrollen an Flughäfen potenziell gegenstandslos (da die Virenträger möglicherweise bereits an ihre Zielorte gereist sind, bevor sie erste Krankheitsanzeichen verspüren oder eine erkennbar erhöhte Temperatur aufweisen).
  • Bislang (zum Zeitpunkt der Niederschrift) existiert noch keine formelle Bestätigung der ursprünglichen Virusquelle. Die Vermutungen konzentrieren sich jedoch auf einen Lebensmittelmarkt in Wuhan. Die Untersuchungen zur genauen Nahrungskette auf diesem Markt laufen noch.
  • Professor Jonathan Ball von der University of Nottingham erklärte gegenüber der BBC: «Wir sollten uns über jeden Virus Sorgen machen, der zum ersten Mal bei einem Menschen auftritt, da er damit bereits die erste bedeutende Schwelle überwunden hat. Sobald er erstmalig in eine [menschliche] Zelle eingedrungen ist und sich repliziert, kann er damit beginnen, Mutationen hervorzubringen, die sich schneller ausbreiten und gefährlicher werden können. Diese Chance möchten wir dem Virus nicht geben.»

Ein Pluspunkt ist die Tatsache, dass die Nationale Gesundheitskommission Chinas den Ausbruch koordiniert und transparent zusammen mit den Gesundheitsbehörden anderer Länder angeht. Sie erklärte zudem, dass Reisende Wuhan meiden und die Bewohner die Stadt nicht verlassen sollten. Nach unserer Einschätzung stellt dies eine hervorragende und effektive Gegenmassnahme dar.

Wenden wir uns den banaleren kommerziellen Fragen zu: Wie reagierten die Kapitalanleger?

Derzeit weist die Marktreaktion grosse Ähnlichkeiten mit der ersten Reaktion auf das Auftreten des SARS-Virus auf (dem letzten bedeutenden Ausbruch in Asien). Damals blieb die Marktreaktion über einen längeren Zeitraum negativ, als es das aktuelle Verhalten andeutet. Dies weist für uns auf ein potenziell erhebliches Abwärtsrisiko (von über 20%) hin, sollte sich die Situation zu einer globalen Pandemie auswachsen.

Nach unserer Einschätzung ist der Gesamtmarkt reif für eine Konsolidierung – insbesondere nach den kräftigen, von Höherbewertungen getragenen Rallys, die vom November 2019 bis zum Januar 2020 aufgrund der Unterzeichnung des Phase-1-Handelsabkommens zwischen den USA und China stattfanden. Insgesamt notieren die asiatischen Märkte derzeit rund 3% unter ihren Allzeithochs.

Aktuell lassen die Marktteilnehmer einen allgemeinen Optimismus erkennen und setzen eindeutig bevorzugt darauf, dass es sich um «eine kontrollierbare Situation» handelt. Zwischenzeitlich traten aus der Sektorperspektive einige erwartete Rotationen ein: Die Preise für Aktien mit Bezug zum chinesischen Gesundheitssektor sowie zu den globalen Pharma- und Gesundheitssektoren (zum Beispiel Gummihandschuhhersteller in Malaysia) stiegen bereits zwischen 10% und 20%.

Sektoren, die von Menschenkonzentrationen profitieren, gerieten dagegen unter Druck: Die Aktienkurse von Reiseunternehmen (wie dem chinesischen Online-Reiseanbieter Trip), Fluggesellschaften (weltweit, jedoch insbesondere in China), Casinos (die im US-Eigentum stehende Wynn in Macau) und globalen Kreuzfahrtanbietern (Carnival) fielen massiv.

Für Anleger in Schwellenländeraktien stellt sich derzeit die Frage: Sollte der Markt diese Reaktionen verdoppeln oder zurücknehmen, falls sich die WHO-Massnahmen als wirksam erweisen? Die Antwort lässt sich im Risikoprofil eines Anlegers finden: Wie sollte dieser Risikofaktor eingeschätzt werden? Stellt er tendenziell eine Gefahr oder eine Rückkehr zur Normalität (d. h. eine Chance) dar?

Derzeit nehmen wir eine beobachtende und abwartende Haltung ein, bis deutlicher wird, in welche Richtung sich der Reisesektor bewegt. Wir raten daher zur Vorsicht: Anleger, die liquide bleiben, indem sie die Barposition etwas anheben, können gegebenenfalls reagieren und können die Gefahr vermeiden, von plötzlichen starken Schwankungen überrumpelt zu werden. Nach unserer Einschätzung sollte eine derartige Position nicht als «totes Geld» betrachtet werden, da sie die Möglichkeit eröffnet, während dieser kurzen Wartezeit Engagements in den attraktiven Währungen von Investment-Grade-Schwellenländern einzugehen.

Selbstverständlich beeinflussen die Datenmeldungen der WHO in den kommenden Tagen das Verhalten der Anleger entscheidend. Es bleibt jedoch die Hoffnung, dass sich die anfängliche Panik über dieses globale Pandemierisiko zügig abschwächen wird. Nach qualitativ hochwertigen Aktien Ausschau zu halten, die attraktiv bewertet sind, wie es seit Langem unserer Philosophie entspricht, ist nach unserer Einschätzung ein sinnvoller Ansatz. Der Kauf von qualitativ minderwertigen Aktien zu diesem Thema – also eine reflexartige Entscheidung für den Kauf einer Absicherung über Gesundheitsaktien in dieser Phase (und zu den erhöhten Preisen) – würde sich jedoch nach unserer Einschätzung nur für den Fall einer weiten Gefahrenausweitung lohnen. Generell entspricht dies aktuell weder unseren Hoffnungen noch unseren Erwartungen.

Wie immer gibt die Risikoanalyse den Ausschlag. Obwohl sich für beide Richtungen qualitativ hochwertige Anlagechancen identifizieren lassen und die Modellierung möglicherweise für einen konträren Ansatz spricht, bei dem überverkaufte Sektoren gekauft werden, die überproportional unter diesem Ausbruch litten, stellt sich die Frage, bis zu welchem Grad man es sich leisten kann, aufs falsche Pferd zu setzen. Nach unserer Einschätzung sollte dies der Anhaltspunkt dafür sein, wie weit und wie schnell man von der abwartenden Haltung abrückt, sollten sich diese antizyklischen Indikatoren selektiv in einer weiteren Schwächephase zeigen.

Diese Entscheidung ist nie einfach zu treffen.

Wir wiesen stets darauf hin, dass dies einen Bereich darstellt, von dem eine ernsthafte Gefahr für die heterogene Anlageklasse der Schwellenländeraktien ausgehen könnte, die stark von urbaner Konzentration bestimmt werden, sowie sämtliche Zeitzonen umspannen. Unter taktischen Gesichtspunkten werden wir uns keine Vorstellung vom wahren Ausmass des Ausbruchs machen können, bevor die chinesischen Neujahrsfeiern beendet sind (am 25. Januar). Derzeit liegt die Mortalitätsrate mit 1% auf sehr niedrigem Niveau (und betrifft überwiegend Personen mit geschwächtem Immunsystem). Beim SARS-Virus lag die Rate bei 10%. Angesichts dieser Datenabhängigkeit erscheinen Aktienkäufe nach unserer Einschätzung als effektiv verfrüht. Zudem könnte dies darüber hinaus dadurch erschwert werden, dass zahlreiche asiatische Märkte in den kommenden Tagen geschlossen sein werden.

Wir beabsichtigen daher, kurzfristig eine abwartende Haltung einzunehmen, werden jedoch Kursrückgänge bei Qualitätswerten im Auge behalten, die unter dem jüngsten Abverkauf zu leiden hatten.

Unsere besten Wünsche und Hoffnungen gelten indes den direkt Betroffenen.

Wichtige rechtliche Hinweise
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