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ESG leicht gemacht

4. Juni 2019

Nachhaltiges Investieren zieht zunehmend Aufmerksamkeit auf sich und die Zahl der verfügbaren Investmentprodukte wächst stark. Julian Howard von GAM Investments erklärt, wie derartige Ansätze in ein diversifiziertes Anlagenportfolio einbezogen werden können.

Nachhaltiges Investieren berücksichtigt ökologische, soziale und Governance (ESG)-Faktoren im Portfoliomanagement. Die Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) publizierte im Jahr 2012 sorgfältig erarbeitete Definitionen der verschiedenen Varianten nachhaltigen Investierens, die von Negativ-Screening bis zu aktivem Engagement bei Unternehmen und Aktionärsaktivitäten reichen. Die Popularität dieser Ansätze nahm exponentiell zu und die Zahl der Google-Suchen nach dem Begriff «ESG-Anlagen» schoss in den vergangenen zwei Jahren massiv in die Höhe. Als Multi-Asset-Anleger halten wir es für unerlässlich, diese Zunahme des Interesses zu verstehen und zu überlegen, wie diese am besten umgesetzt werden kann – sowohl im Rahmen eines standardmässig diversifizierten Portfolios als auch in Form vollständig nachhaltig ausgerichteter Anlagelösungen.

Die im April veröffentlichte Warnung von Legal & General vor einer bevorstehenden Klimakatastrophe war nur die letzte in einer Reihe ähnlicher Publikationen grosser Investmenthäuser. Diese zeigen eine neue Form des Engagements, die bisher Umwelt- und anderen Interessengruppen vorbehalten war. Die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Gesellschaft wird durch eine Kombination verschiedener Faktoren angetrieben. Dazu zählen unter anderem das verstärkte Eintreten für Gleichberechtigung und Menschenwürde – vor allem in der Millennial-Generation – und die überwältigenden Beweise für die vom Menschen verursachten Umweltschäden. Ganz allgemein leben wir in einer humaneren und engagierteren Welt. Der Volksphilosoph Alain de Botton spricht vom «langen Marsch der Freundlichkeit». Damit will er zum Ausdruck bringen, dass sich die Menschheit zunehmend des Leids anderer bewusst wird und – vor allem – auch zunehmend bereit ist, etwas dagegen zu unternehmen. Das Konzept des verantwortungsvollen Investierens existiert bereits seit Jahrhunderten und lässt sich bis auf die Quaker zurückverfolgen. Dank einer Fülle neuer Indizes und Produktlancierungen sind bestimmte Formen des verantwortungsvollen Investierens jedoch inzwischen leichter zugänglich als je zuvor – ohne offensichtliche Beeinträchtigung der Anlageerträge oder wesentlich höhere Kosten.

Explosionsartige Zunahme des Interesses– Analyse der Google-Suchen zeigt die Begeisterung für nachhaltige Kapitalanlagen:

Quelle: Google; Daten vom 31. Dezember 2003 bis 31. März 2019

Bevor wir untersuchen, wie diese neuen Trends in Portfolios einbezogen werden können, ist es wichtig, einige der gängigsten Ansätze für nachhaltiges Investieren aufzuzeigen. Eine der am leichtesten zugänglichen Formen – insbesondere in Europa – ist das seit Langem angewandte Negativ-Screening. Dabei werden Anlagen in bestimmten Unternehmen mit Aktivitäten in Bereichen wie Alkohol, Erwachsenenunterhaltung, Verteidigung oder fossile Brennstoffe ausgeschlossen. Andere Methoden verzeichnen jedoch ein ausgeprägteres Wachstum. Zu diesen zählt beispielsweise das Positiv- oder Best-in-Class-Screening. Dabei werden Anlagen in Sektoren oder Wertpapieren auf der Basis positiver ESG-Wertungen im Vergleich zu Konkurrenten oder Indizes vorgenommen. Daneben gibt es auch das Engagement bei Unternehmen bzw. Aktionärsaktivitäten. Dabei üben Aktionäre Einfluss aus, um das Verhalten der Unternehmensleitung zum Besseren zu verändern. Für die Zwecke dieses Artikels konzentrieren wir uns auf das Positiv- oder Best-in-Class-Screening. Diese Methode lässt sich in einem diversifizierten Portfolio am effizientesten umsetzen und optimal mit den breit gefassten Anlagepräferenzen (Anlageklasse, Region, Anlagestil) verbinden, die Multi-Asset-Anlagen prägen.

In diesem Sinne überlegen wir, wie und warum ein «standardmässig» diversifiziertes Portfolio Positiv-Screening-Elemente einbeziehen sollte, um eine bestimmte Anlageeinschätzung auszudrücken. Wie bereits erwähnt wird das «Wie» zunehmend einfacher. Dafür sorgt eine wachsende Palette passiver und aktiver Fonds im Aktien- und Anleihenbereich (einschliesslich Credit). Jeder dieser Fonds betont die positiven Fortschritte bei der Berücksichtigung von ESG-Faktoren ihrer Anlagen in Relation zu den vergleichbaren Indizes. Eine Allokation in europäischen Aktien eines Multi-Asset-Portfolios lässt sich beispielsweise leicht durch einen entsprechenden Fonds mit einer höheren ESG-Wertung ersetzen. Aber weshalb sollte man das überhaupt tun? Die Antwort lautet: aufgrund der überzeugenden Anlageargumente für nachhaltiges Investieren. Einer 2016 veröffentlichten Studie der Bank of America1 zufolge könnte die Millennial-Generation in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten 15 bis 20 Bio. US-Dollar in US-amerikanische ESG-Anlagen investieren und damit zu einer Verdoppelung des US-Aktienmarktes beitragen. Nach unserer Einschätzung macht allein schon diese bevorstehende Geldflut eine Anlage in einem Index mit ESG-Screening für einen der grösseren Märkte zu einem interessanten Anlagethema, das darüber hinaus bestehende Aktienthemen wie Technologie oder den Aufstieg der Schwellenmärkte ergänzt. Zwar macht eine ESG-positive Position noch kein nachhaltiges Portfolio, sie stellt jedoch nach unserer Ansicht eine attraktive und eigenständige Anlageform dar.

Von hier aus ist es kein grosser Sprung zur Gestaltung einer vollständig nachhaltigen Multi-Asset-Anlagestrategie durch positives ESG-Screening. Der erste Grundsatz lautet, dass die Asset-Allokation, vor allem die von Anfang an richtige Asset-Allokation, gefolgt von regelmässigen Gewichtungs-Anpassungen der wichtigste Faktor für den langfristigen Anlageerfolg ist. Andrew Ang schrieb im Jahr 2012:2 «Das Fundament für eine langfristige Anlagestrategie ist die regelmässige Gewichtungs-Anpassung einzelner Anlageklassen, die in der «Ein-Perioden»-Betrachtung für das Portfolio festgelegt werden und sich nach der Risikobereitschaft des Anlegers richten.» Die Risikobereitschaft als massgeblicher Bestimmungsfaktor für die Investmentperformance müsste sich dabei nicht ändern. Stattdessen können nachhaltige Investments für den Portfolioaufbau verwendet werden, insbesondere Fonds mit Positiv-Screening und Wertpapiere mit deutlich höheren ESG-Wertungen im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen. Bis vor Kurzem stellte die Umsetzung eines kompletten Multi-Asset-Portfolios mit Hilfe derartiger Fonds ein äusserst schwieriges Unterfangen dar. Mittlerweile sind jedoch alle massgeblichen regionalen Aktienindizes – zum Beispiel für die USA, Grossbritannien, Europa, Japan und die Schwellenländer – in Varianten mit hohen ESG-Wertungen verfügbar. Es muss jedoch darauf hinweisen werden, dass es auch bereits seit geraumer Zeit aktiv verwaltete Instrumente gibt, die auf nachhaltige Investments setzen. Darüber hinaus bieten spezialisierte Datenanbieter für die meisten börsennotierten Wertpapiere ESG-Wertungen an. Diese geben weiteren Aufschluss über die zugrunde liegenden Positionen der verfügbaren Fonds und ermöglichen den Aufbau eines diversifizierten Portfolios unter Einbezug angestrebter ESG-Wertungen.

Nach unserer Einschätzung fallen bei der Verwendung von Indizes, die ESG-Kriterien einbeziehen, nur geringfügig höhere Gebühren an, als bei herkömmlichen Indizes. Beispielsweise erhebt ein grosser Anbieter für seinen ESG-Fonds auf den S&P 500 mit Positiv-Screening nur wenig mehr als zehn Basispunkte Verwaltungsvergütung pro Jahr. Zwar trifft zu, dass bisher noch keine faktorbasierten Indexfonds existieren, die ausdrücklich nachhaltige Engagements in Value-, Momentum- und Qualitätsstilen bieten. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch gross, dass in den kommenden Jahren auch solche Produkte auf den Markt gebracht werden. Die Analysen einiger Beispiele für Indizes mit ESG-Screening zeigen im Vergleich zu entsprechenden Standardindizes keine nachteiligen Auswirkungen auf die Performance. Der MSCI Europe «ESG Screened» Index entwickelte sich im Einklang mit dem entsprechenden Index ohne Screening, während der MSCI EM «ESG Leaders» Index sein Pendant übertraf. Dies kann zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass Corporate Governance-Aspekte in den Schwellenländern starke Auswirkungen auf die Unternehmensrentabilität haben. Insgesamt ist es jedoch beruhigend, dass nachhaltiges Investieren offenbar nicht mit signifikanten Performance-Einbussen einhergeht. Die aktuelle Entwicklung des Anlegerinteresses deutet vielmehr darauf hin, dass die Umsetzung von Portfolios mit Fonds und Wertpapieren, die positive ESG-Faktoren fördern, zusätzlich zur vorrangigen Bedeutung der Asset-Allokation eine Quelle für aktiven Mehrwert bildet.

Von einer minimalen Einbusse bis zur direkten Outperformance – Vergleiche von ESG-Indizes:

Quelle: Bloomberg, vom 31. März 2014 bis 29. März 2019

Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Hinweis für die zukünftige Wertentwicklung bzw. aktuelle oder zukünftige Trends.

Quelle: Bloomberg, vom 31. März 2014 bis 29. März 2019

Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Hinweis für die zukünftige Wertentwicklung bzw. aktuelle oder zukünftige Trends.


Obwohl das Universum für nachhaltige festverzinsliche und alternative Anlagen derzeit überschaubar ist, beginnt es sich jedoch allmählich zu entwickeln. Bei ersteren sind Fonds für Investment-Grade-, Hochzins- und Schwellenländeranleihenindizes verfügbar. Für Ansätze alternativer Anleihen wie versicherungsgebundene Wertpapiere und MBS (hypothekarisch besicherte Wertpapiere) gibt es zum Zeitpunkt der Niederschrift jedoch noch keine ESG-Version. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass, obwohl Anlagen in ESG-positiven Unternehmensanleihen mit einer kleinen Renditeeinbusse verbunden sind, solche Fonds in der Regel während Verkaufswellen am Markt geringere Kursverluste verzeichnen als ihre Nicht-ESG-Pendants. Über einen vollen Konjunkturzyklus sind die Differenzen daher minimal. Eine Allokation in festverzinslichen Wertpapieren mit ESG-Fokus stellt in einem diversifizierten Portfolio somit durchaus eine sinnvolle Beimischung dar. Bei alternativen Anlagen ist das Universum – vor allem an UCITS-konformen Instrumenten – auch ohne zusätzlichen Nachhaltigkeitsanspruch ohnehin ziemlich begrenzt. Durch höhere Allokationen in Investment-Grade- und Staatsanleihen sowie Barmittel sollte es dennoch möglich sein, eine passable Diversifikation zu Aktien zu erreichen.

Fazit: Nach unserer Einschätzung ist es an der Zeit, ausgewählte ESG-fördernde Investments in Betracht zu ziehen – sowohl für Standardportfolios als auch mit dem Ziel, umfassende Lösungen für Multi-Asset-Strategien zusammenzustellen. Im Hinblick auf Ersteres ist der Einsatz eines Elements mit ESG-Fokus in einem Standardportfolio absolut sinnvoll, da solche Anlagen davon profitieren, dass die Berücksichtigung ethischer Aspekte bei der Kapitalanlage vermutlich in den nächsten Jahren zur normalen Praxis werden. Bei einem Portfolio mit dem erklärten Ziel einer hohen ESG-Wertung erfordert der Portfolioaufbau nach der grundsätzlichen Festlegung der Asset-Allokation einen ganzheitlichen Ansatz, der die ESG-positive Umsetzung über spezialisierte Fonds oder sorgfältig zusammengestellte Wertpapierkörbe fördert und überwacht. Obwohl das Universum nachhaltiger Anlagen noch einen weiten Weg vor sich hat, hat es jedoch inzwischen im Hinblick auf Fonds eine Stufe erreicht, in der Multi-Asset-Portfolios zu einer besseren Welt beitragen können – zu minimalen Kosten für den Anleger. Wir werden dieses Thema weiterhin sorgfältig untersuchen, da Anleger danach streben, ihre ansonsten standardmässigen Portfolios in gleichwertige, ESG-positive Pendants zu verwandeln.


1Quelle: Bank of America Corporation – Environmental, Social & Governance Report 2016
2Quelle: Dynamic Portfolio Choice, Andrew Ang, 11. Juli 2012

Wichtige rechtliche Hinweise
Die Angaben in diesem Dokument dienen lediglich zum Zwecke der Information und stellen keine Anlageberatung dar. Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen und Einschätzungen können sich ändern und geben die Ansicht von GAM unter den derzeitigen Konjunkturbedingungen wieder. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Die vergangene Performance ist kein Indikator für die laufende oder künftige Wertentwicklung.
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