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Schwellenländeraktien: Regionen unter der Lupe

18. Juni 2019

Tim Love von GAM Investments präsentiert seine aktuellen regionalen Einschätzungen zu den Aktien aus Schwellenländern und hebt einige der Chancen hervor, die er in bestimmten Ländern sieht.

Die Schwellenländer (EM) haben im 1. Halbjahr 2019 für eine Menge Schlagzeilen gesorgt, sei es durch US-Präsident Trumps anhaltenden Handelskrieg mit China oder durch den neuen Streit mit Mexiko, durch die prekäre Lage in der Türkei, die weiterhin für wirtschaftliche Turbulenzen im Land sorgt, oder durch die erfolgreich verlaufene, weltweit grösste demokratische Wahl in Indien. Da sich das Umfeld an den Märkten für Aktien der Schwellenländer permanent ändert, halten wir den Zeitpunkt für günstig, unsere aktuellen Einschätzungen zur regionalen Allokation darzustellen, unsere bevorzugten Regionen genauer zu beleuchten und näher darauf einzugehen, welche Regionen wir tendenziell neutral beurteilen und bei welchen Regionen wir zur Vorsicht raten.

China

Zunächst zu China. Diesen Markt beurteilen wir leicht positiv. Nach unserer Einschätzung sind in diesem Land weitere Konjunkturmassnahmen zu erwarten, die die Effekte des zunehmend zerrütteten Verhältnisses zu den USA ausgleichen sollen. Die Folgen der Beeinträchtigungen des zyklischen Wachstums durch den Handelskrieg und das schwache externe Wachstum werden durch zusätzliche geld-, fiskal- und industriepolitische Massnahmen gemindert. Der strukturelle Wandel in Richtung Fokussierung auf den Binnenkonsum, die stabilen Verschuldungsquoten, die verbesserte Qualität auf makro- und mikroökonomischer Ebene sowie der Kapitalzustrom durch die Öffnung der Kapitalmärkte für ausländische Investoren wirken unverändert positiv.

Da die Regierung Trump inzwischen beinahe alle chinesischen Importe in die USA mit Zöllen von 25% belegt, haben wir unsere Wachstumsschätzungen für China reduziert. Damit tragen wir dem schwächeren Konjunkturumfeld in aller Welt und der jüngsten Eskalation der Spannungen im Handel und Technologiesektor Rechnung. Unsere BIP-Wachstumsprognose für das Jahr 2019 nahmen wir um 50 Bp. auf 6,0% und für das Jahr 2020 um 70 Bp. auf 5,5% zurück.

Aufgrund der in letzter Zeit erfolgten Marktrückgänge geben wir attraktiver bewerteten H-Aktien (die an der Börse in Hongkong gehandelt werden) derzeit den Vorzug gegenüber traditionellen A-Aktien, die an den Börsen Festlandchinas gehandelt werden. Bemerkenswert ist, dass die MSCI-Indizes seit Juni 2019 auch A-Aktien enthalten. Daher rechnen wir in diesem Bereich mit einer stärkeren Aktivität und behalten die Lage genau im Auge. Kurzfristig bleibt unser Fokus auf den binnenkonjunkturorientierten Nutzniessern der Konjunkturmassnahmen (aus den Sektoren Versicherungen, Immobilien, Haushaltsgeräte und Automobile). Derweil sind potenzielle Anstiege bei exportorientierten Aktien im Falle einer Beilegung des Handelskriegs weiterhin möglich.

Die Ankündigung der Restrukturierung der Baoshang Bank – einer städtischen Geschäftsbank mit Sitz in Baotou, Innere Mongolei – samt einer durch die Kreditrisiken bedingten, vorübergehenden Übernahme für die Dauer von einem Jahr erinnert an die Sanierungsmassnahmen im Bankensektor, die auch nach mehreren Jahren unverändert andauern. Dass Chinas kleinere Banken langsam, aber stetig immer mehr ins Visier der Aufsichtsbehörden geraten, ist unseres Erachtens kein Anzeichen für wachsende Risiken im Finanzsystem. Ganz im Gegenteil: Wir sind vielmehr davon überzeugt, dass dies Teil des Schuldenabbau- und Risikominderungsprozesses ist, der zulasten des Wachstums geht. Nach unserer Einschätzung scheinen nur geringe systemische Risiken zu bestehen. Dies liegt an den frühzeitigen und koordinierten Initiativen der Aufsichtsbehörden zur weiteren finanziellen Sanierung, die bereits seit über zwei Jahren andauern. Die People’s Bank of China (PBoC) hat versucht, die Kollateralschäden zu verringern. Dazu hat sie den Marktteilnehmern versichert, dass sie genügend Liquidität für das System bereitstellen werde, Baoshang Bank ein Einzelfall sei und sie nicht vorhabe, eine weitere Bank zu übernehmen. Kurzum: Chinas Zentralbank hat versucht, die Anleger zu beruhigen und erklärt, dass die Aufsichtsbehörde vorläufig keine weiteren Schritte dieser Art plane.

Türkei, Russland und andere attraktive Regionen

Unsere Einschätzung zur Türkei ist positiv. Nach den jüngsten Marktturbulenzen halten wir die Bewertungen dort für attraktiv, da Top-down-Faktoren nach unserer Ansicht Unterstützung bieten. Das Risiko besteht darin, dass die weichen Kapitalkontrollen zu harten Kapitalkontrollen werden. Daher geben wir Unternehmen den Vorzug, die stabile Gewinne im Ausland erwirtschaften, Preisgestaltungskraft besitzen und über hohes Eigenkapital verfügen, zum Beispiel dem Getränkehersteller Coca Cola İçecek. Russland ist ein weiterer Markt, den wir stark favorisieren. Abgesehen von den steigenden Renditen und guten Deckungsquoten schätzen wir die Kreditwürdigkeit der Unternehmen als gut und deren Fundamentaldaten als solide ein. Wir beurteilen binnenkonjunkturorientierte zyklische Titel aus dem Stahlsektor sowie ausgewählte Ölwerte positiv. Obwohl wir derzeit auch Ungarn, Kolumbien und Griechenland für attraktiv halten, können diese weniger liquiden Märkte jedoch auf eine veränderte Risikostimmung gegenüber dem US-Dollar in der Anlageklasse sowie auf länderspezifische Aspekte rund um die Europawahlen empfindlich reagieren.

Indien

Der indische Markt hat infolge der sehr guten Stimmung nach der Wahl zugelegt. Unternehmen, die von Ministerpräsident Modis zweiter Amtszeit profitieren dürften, notieren bereits deutlich höher. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass die Fundamentaldaten viel entscheidender sein werden als politische oder thematische Aspekte. Bislang bestand eine starke Abhängigkeit der US-Wirtschaft. Da das US-Wachstum vermutlich seinen Zenit überschritten hat und die Besorgnis rund um den Handel wächst, halten wir es für wichtig, die möglichen Abwärtsrisiken aufmerksam im Auge zu behalten. Modis ausgezeichnetes Wahlergebnis hat die Unsicherheit in Bezug auf die indische Wirtschaft zum Grossteil beseitigt. Die Beschäftigung hat im nunmehr 14. Monat in Folge zugenommen und der Anstieg im Mai war der stärkste seit Februar. Dies könnte zum Teil auch die Zuversicht der Unternehmen durch den Wahlausgang sowie die Erwartung widerspiegeln, dass das Wachstum davon kurzfristig gestützt wird. Im ersten Quartal nach Modis Wiederwahl werden wir die Daten sehr genau unter die Lupe nehmen und dabei auf konkrete Anzeichen für Marktanreize und Wachstumsimpulse achten.

Gegenwärtig nehmen wir eine neutrale Haltung gegenüber Indien ein, da der Markt teuer ist, obgleich die Unterstützung durch die Politik und das kräftige Inlandswachstum ermutigend sind. Ferner sind wir positiv gegenüber Banken eingestellt, die eine längere schwierige Phase hinter sich haben und sich nach unserer Ansicht selbst dann zu defensiven Werten entwickeln können, wenn sich die Wirtschaft weiter verlangsamt. Gründe dafür sind ihre positiven Wachstumsaussichten und verbesserten Bilanzkennzahlen. Darüber hinaus wird erwartet, dass die Reserve Bank of India (RBI) die Zinssätze senkt, da die Daten zum BIP-Wachstum schwach waren, die Inflation freundlich und die Liquidität unverändert knapp ist.

Taiwan und Korea

Unsere Einschätzung zu Taiwan hat sich dank der attraktiveren Top-down- und Bottom-up-Kennzahlen gebessert. Der Markt leidet nach wie vor unter indifferenten Daten und den Wachstumsaussichten für die Industrieländer. Die am Jahresende anstehenden Präsidentschaftswahlen und der begrenzte Spielraum, an geld- und fiskalpolitischen Stellschrauben zu drehen, weisen darauf hin, dass sich Taiwan derzeit in einer ungünstigen Position befindet. Daher bleiben wir hier unverändert vorsichtig. Ausgewählte Technologiewerte und Positionen, die empfindlich auf die Entwicklungen in China reagieren, würden stark von einer Einigung zwischen den USA und China profitieren. Unterdessen musste Korea, das als ein Barometer für den Welthandel gilt, zahlreiche massive Ausfälle im Exportbereich überstehen. Angesichts der starken Rückgänge, welche die Bewertungen gedrückt haben, sind wir jedoch der Ansicht, dass in den aktuellen Kursen bereits viel Negatives eingepreist ist. Obwohl der Markt günstig bewertet bleibt, hat die Wirtschaft unverändert mit schwachem Wachstum, politische Unwägbarkeiten und einer hohen Inlandsverschuldung zu kämpfen. Daher bleiben wir neutral ausgerichtet.

Mexiko und Brasilien

Wir nahmen unsere Zurückhaltung gegenüber Mexiko und Brasilien in den letzten Wochen ein wenig zurück. Da der Handelskonflikt zwischen den USA und Mexiko vermutlich in Kürze vor einer Lösung steht oder zumindest weitere Zölle vorläufig ausgesetzt werden, sind wir davon überzeugt, dass die Bewertungen und die Währung auf relativer Betrachtungsebene gute Kaufgelegenheiten bieten, um in ausgewählte hochwertige und liquide Titel mit positivem freien Cashflow (FCF) zu investieren. In Brasilien halten wir ein weiteres Aufwärtspotenzial im 3. Quartal für möglich, falls die Regierung kleinere geplante Reformen umsetzt.

Saudi-Arabien und GCC-Länder

Obwohl Saudi-Arabien in den vergangenen beiden Jahren zu unseren bevorzugten Märkten zählte, empfehlen wir nunmehr bei diesem Land etwas mehr Zurückhaltung. Die Länder des Golfkooperationsrates (GCC) wurden im Mai von einer heftigen Korrektur erfasst, als die wachsende Sorge über eine mögliche Eskalation der Spannungen zwischen den USA und dem Iran sowie das schwache globale Umfeld zu massiven Gewinnmitnahmen führten. Der S&P GCC Composite Index sank im Berichtsmonat um 5,43%. Dies fiel mit der ersten Phase der Aufnahme des Marktes in den MSCI Emerging Market Index zusammen, die an der saudi-arabischen Wertpapierbörse Tadawul zu Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von fast USD 8 Mrd. führte. Im MSCI EM Index ist Saudi-Arabien mittlerweile mit fast 3% vertreten, die gesamte Region Naher Osten und Nordafrika (MENA) hingegen mit 3,3%. Wir erwarten, dass dieser Anteil bis Juni 2020 auf 5,4% steigt.

Obwohl das Extremrisiko eines potenziellen Angebots- und mithin Preisschocks beim Rohöl im Nahen Osten wächst, schätzen wir die Wahrscheinlichkeit dafür als nicht überproportional hoch ein. Wir erwarten, dass die harten Töne zwischen den USA und dem Iran in den nächsten Quartalen abnehmen werden. Daher schätzen wir die Wahrscheinlichkeit eines ausgewachsenen Krieges zwar nicht als minimal, aber dennoch eher als gering ein. Wir gehen davon aus, dass die GCC-Märkte ihren Fokus stärker auf die kräftige binnenkonjunkturelle Erholung legen, die in den zugehörigen Ländern bereits eingesetzt hat. Die anhaltend hohen Ölpreise sowie neue Programme zur Ausgabe von Staatsanleihen haben den Regierungen in der Region das Vertrauen gegeben, ihre Ausgabenprogramme fortzuführen. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass höhere Inlandsinvestitionen in diesem und im nächsten Jahr auf das Kreditwachstum der Banken und die Unternehmensgewinne durchschlagen.

Andere Bereiche, in denen wir uns zurückhalten

Malaysia ist uns ein Rätsel. Obwohl die Kurse in letzter Zeit sanken, sind die Bewertungen durch den Gewinnrückgang jedoch nicht so günstig, wie es zunächst den Anschein erweckt (da die Gewinne je Aktie im Vergleich zu den Aktienkursen deutlich gesunken sind). Der Markt bemüht sich, mit den Folgen der Veränderungen in der Regierung und dem schwachen Wirtschaftswachstum zurechtzukommen. Dafür gibt es jedoch noch keine eindeutigen Belege. Zudem sind die Bewertungen leicht erhöht, da das Land stark auf die Binnenkonjunktur ausgerichtet ist. Auf der Aktienebene ist dieser Markt allerdings etwas schwierig, sodass wir hier vorsichtig bleiben. Indonesien ist ein wachstumsstarker Markt, der den Fokus auf die Binnenkonjunktur legt und in dem eine neue Regierung im Amt ist. Auf der Titelebene weist dieser Markt grössere Herausforderungen auf. Bei der Titelauswahl verfolgen wir einen selektiven Ansatz. Die Philippinen, Peru, Chile, Katar und Thailand sind Märkte, die wir als teuer betrachten und in denen wir auf relativer Basis keine kurzfristigen positiven Impulse erkennen.


Wichtige rechtliche Hinweise
Die Angaben in diesem Dokument dienen lediglich zum Zwecke der Information und stellen keine Anlageberatung dar. Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen und Einschätzungen können sich ändern und geben die Ansicht von GAM unter den derzeitigen Konjunkturbedingungen wieder. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Die vergangene Performance ist kein Indikator für die laufende oder künftige Wertentwicklung.
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