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ESG: Teil des Paradigmenwechsels

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12. November 2020

Nach Ansicht von Amy Kam, Investmentmanagerin bei GAM Investments, erleben wir aktuell sowohl an den Kapitalmärkten und als auch bei der Berücksichtigung von ESG-Faktoren einen Paradigmenwechsel.

Dieser Artikel erschien erstmals in The Asset.


Die grosse Smog-Katastrophe in London vom Dezember 1952 wurde durch Hochdruck-Wettersysteme und – hauptsächlich infolge der Kohleverfeuerung – durch die industrielle Umweltverschmutzung ausgelöst. Sie verursachte bei den Londonern über fünf Tage hinweg schwere Atemwegsprobleme. Mehr als 100 000 Menschen erkrankten und über 12 000 starben. Das Ereignis beschleunigte einen Wandel in der Einstellung der Bevölkerung hinsichtlich der Luftqualität und spornte die Regierung an, neue Vorschriften zur Bekämpfung des Problems zu verabschieden. Von entscheidender Bedeutung war, dass das Vereinigte Königreich über den politischen Willen, die Ressourcen und die Technologie verfügte, die anstehende Aufgabe anzupacken. Die Welt wird derzeit von vergleichbaren Ereignissen heimgesucht: unerträgliche Hitzewellen, unkontrollierbare Waldbrände, anhaltende Dürren, verheerende Wirbelstürme und schwere Überschwemmungen – ganz zu schweigen von der aktuellen COVID-19-Pandemie. Sie alle hinterlassen Not und Elend und werden zunehmend zur neuen Normalität.

Barrieren

Die Menschen bemühen sich, diesen Klimawandeltrend zu verstehen und ihm zu begegnen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie untersuchte die UBS die sechs wichtigsten Voraussetzungen, die die Energiewende ermöglichen1. Wie bei den meisten Dingen geht auch bei diesem Prozess der erste Impuls von der Spitze aus. Die wichtigste Voraussetzung ist hierbei das politische Ziel oder der Wille, dem Klimawandel erfolgreich zu begegnen. Wie in London in den 1950er Jahren muss dies mit den richtigen politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen, den nötigen Ressourcen (einschliesslich Kapital und Technologie) und der Fähigkeit einhergehen, um exakt diesen Prozess im industriellen bzw. – in unserem heutigen Fall – globalen Massstab umzusetzen.

Abbildung 1: Die sechs Voraussetzungen für eine zukünftige Energiewende («Netto-Null»)

Figure 1: The six enablers for future energy transition (net zero) 
Quelle: Aurora Energy Research. Hinweis: Das Verhalten der Konsumenten ist in diesem Rahmen der nötigen Voraussetzungen für «Netto-Null» nicht enthalten. Nur zur Veranschaulichung.

Obwohl derzeit die meisten bzw. alle diese Voraussetzungen geschaffen werden könnten, ist uns allen bewusst, dass es viele Variablen und Hindernisse gibt, die überwunden werden müssen, um entsprechende Fortschritte zu erzielen. Dazu zählen insbesondere die Barrieren, die – mit Unterstützung der Klimawandel-Leugner – von den Interessenvertretern etablierter Branchen (die kurzfristig viel zu verlieren haben) errichtet und verteidigt werden. Nun sind die Machthaber gefragt: Die Reduzierung des von den Menschen verursachten Klimawandels müsste zu einem klaren weltweiten Ziel erklärt werden, das alle Betroffenen zusammenschweisst. Laut einem National-Geographic-Artikel aus dem Jahr 2019 sind die meisten Länder entweder nicht auf dem richtigen Weg, um ihre im Pariser Abkommen zugesagten Ziele für das Jahr 2030 zu erreichen oder nicht auf das «ungeahnte menschliche Leid» vorbereitet, das dieses Scheitern verursachen wird. Streng hierarchisch organisierte oder interventionistische politische Systeme sind möglicherweise besser als andere politische Systeme in der Lage, das globale Problem der Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels anzupacken. Sollten wir davon überzeugt sein, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel eine existenzielle Bedrohung darstellt, muss das Hauptziel unserer Regierungen eindeutig darin bestehen, dieser Gefahr zu begegnen. Die Situation in liberaleren Volkswirtschaften, in denen die Politiker aufgrund der Häufigkeit von Wahlen und mächtiger Lobbygruppen vermutlich kurzfristiger denken, könnte die Neigung begünstigen, die Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels zu verwässern. Jetzt ist schnelles und entschlossenes Handeln nötig, bevor es zu spät ist.

Zudem ist darauf hinzuweisen, dass Länder, deren Bevölkerung ihren Regierungen und der Wissenschaft nur wenig Vertrauen entgegen bringt, aber auch deren jeweilige Regierung der Wissenschaft misstraut, während der Pandemie wirtschaftlich sehr schlecht abschnitten2. Obwohl zahlreiche Beobachter möglicherweise natürliche Spannungen zwischen den öffentlichen und den privaten Wirtschaftssektoren, staatlichen und freien Marktsystemen sowie zwischen östlichen und westlichen Ideologien erkennen, fand hier interessanterweise eine gewisse Annäherung statt. Dies stellt eine positive Entwicklung für die Realisierung von Umwelt-, sozialen und Governance-Zielen (ESG) dar. China geht von einer ausgeprägten staatlichen Kontrolle zu einer liberaleren Wirtschaft über, während westliche Volkswirtschaften auf Regulierung setzen, um die Umwelt zu schützen. Die USA sind eine wichtige Ausnahme von diesem Trend. Angesichts der Ergebnisse der US-Wahlen könnte sich dies allerdings ändern. Damit könnte sich möglicherweise bald klarer abzeichnen, wann die Ölnachfrage ihren Höhepunkt überschreiten wird (sofern dies nicht bereits geschehen ist) und in welchen Bereichen Investitionen vorgenommen werden. Meine Hoffnung ist, dass wir uns nun – ausgelöst durch die COVID-19-Pandemie, die einen erneuten Fokus auf die persönliche Gesundheit und den Zustand unseres Planeten gefördert hat – im Sog eines derartigen unaufhaltsamen Wandels befinden und dass wir aktuell sowohl an den Kapitalmärkten als auch bei der Berücksichtigung von ESG-Faktoren einen Paradigmenwechsel erleben.

Abbildung 2: Analyse der Kräfte für einen ESG-Wandel in Asien

Figure 2: Analysis of the forces for change for ESG in Asia 
Quelle: GAM. Nur zur Veranschaulichung.

Die COVID-19-Pandemie hat meine Einschätzung der Beziehung zwischen den Menschen und dem Klimawandel weiter gefestigt. Zudem waren zwischenzeitlich einige bemerkenswerte Phänomene zu beobachten, z. B. die massive Annäherung der Marktkapitalisierung zwischen dem Ölriesen BP und einem dänischen Unternehmen für erneuerbare Energien (Orsted). Erleben wir gerade den langsamen Tod der grossen Ölkonzerne? Hat die Ölnachfrage ihren Höhepunkt bereits überschritten oder erreicht sie ihn eher früher als später?

Abbildung 1: Bewertung von Orsted gegenüber BP (in USD Mio.)

Chart 1: Orsted’s valuation versus BP (USD, millions) 
Quelle: Bloomberg. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Hinweis für die zukünftige Wertentwicklung bzw. aktuelle oder zukünftige Trends. Nur zur Veranschaulichung.

Chance in Asien

Als Verfechter des Nachhaltigkeitsgedankens erkenne ich aktuell enorme Marktchancen. Unabhängig vom atemberaubenden Wachstumstempo bietet der Markt für asiatische Hartwährungsanleihen einen attraktiven relativen Wert, geringe Korrelation, Diversifikationsvorteile, solide Fundamentaldaten der Unternehmen, eine günstige demografische Entwicklung und niedrige Volatilität. Asien bietet insbesondere ideale Voraussetzungen für das Durchstarten der digitalen Revolution: Der Einsatz von Technologie kann die Art und Weise, mit der Energie erzeugt wird und sich Infrastruktur aufbauen lässt, mit einer erheblich geringeren Abhängigkeit von Kapital und Arbeitskraft verändern. Wir konnten bereits beobachten, wie Nordasien von seinem grossen Anteil an der globalen Versorgungskette für Heimelektronik profitierte. Nun erleben wir, wie der politische Wille in China – zusammen mit einem ehrgeizigen Plan zur Dominanz des globalen Elektrofahrzeugangebots und hoch gesteckten Zielen für umweltfreundliche Gebäude – zur dominierenden Position des Landes in der globalen Lieferkette für Solarenergie führt.

Nachhaltig investieren während der Pandemie

Viele Entscheidungen sind mit schwierigen Debatten verbunden. Eine Herausforderung ist die Ausrichtung an der Systematik «grüner Anleihen»: Handelt es sich hierbei um einen inklusiven oder exklusiven Ansatz? Die «Climate Bond Initiative» hat eine klare Systematik, die fossile Brennstoffe ausschliesst. Aus diesem Grund sind bestimmte Umstellungsprojekte (zum Beispiel von Kohle auf Gas) aus ihrem Zertifizierungsprogramm ausgeschlossen. Die von der «International Capital Market Association» aufgestellten «Green Bond Principles» (GBP) sind im Vergleich dazu grosszügiger. Darüber hinaus gibt es einen klaren Bezug zwischen den GBP und den 17 Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung.

Ich bin vom inklusiven Ansatz überzeugt. Es ist wichtiger, ein Modell zu haben, bei dem jeder Einzelne und jedes Land dazu beitragen kann, das gemeinsame Ziel zu erreichen, als ein geteiltes Universum, in dem die Leugner des Klimawandels am Ende alle Vermögenswerte mit Bezug zu fossilen Brennstoffen besitzen. Eine weitere Herausforderung bei der Verwaltung eines asiatischen Anleihenfonds ist die Einordnung staatsnaher Unternehmen, die ein bedeutendes soziales Mandat für ihre jeweilige Regierung haben. Hierfür gibt es keine Blaupause, obwohl die Klimawandeldebatte bereits seit Jahrzehnten im Gange ist. Dieser Schritt ins Unbekannte bringt seine eigenen Anforderungen mit sich, vor allem, wenn man mit einem kleinen und schlanken Team arbeitet.

Nach unserer Einschätzung verfügen einige externe Fondsprüfer nicht über die nötigen Kapazitäten, Methoden und Daten, um «Green Bonds» bei der Vergabe von Ratings für Anleihenfonds zu berücksichtigen. Dieser Umstand existiert trotz der Tatsache, dass das Konzept der «grünen Anleihe», das bereits vor über zehn Jahren von der Weltbank und der Europäischen Investmentbank entwickelt wurde, als eine der wichtigsten Innovationen des vergangenen Jahrzehnts gilt und seither rund um den Globus Kapital in Höhe von mehreren hundert Milliarden US-Dollar in nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten kanalisiert hat.

Es gibt unverändert Debatten über die Attraktivität und Ethik kurzfristiger Renditevorteile herkömmlicher Anlagen gegenüber Investments unter Berücksichtigung von ESG-Zielen. COVID-19 macht dies jedoch zu einer zunehmend weniger relevanten Frage. Waren ESG-Faktoren schon vor COVID-19 über einen fünfjährigen Anlagehorizont von Bedeutung, so sind diese Faktoren mittlerweile in den Vordergrund gerückt. Mit anderen Worten: ESG-Aspekte werden zunehmend relevanter und in die Beurteilung von Unternehmen integriert. Eine Erscheinungsform dieser von COVID-19 ausgelösten Verhaltensänderung ist das Umschwenken der Konsumentenpräferenz auf Clean Energy ETFs – ein stichhaltiger Beweis, dass die Konsumenten ihre Macht zeigen, wie die untenstehende Grafik veranschaulicht.

Abbildung 2: Entwicklung der Marktkapitalisierungen des Global Energy ETF und des S&P Global Clean Energy Index ETF

Chart 2: Market cap evolution of the Global Energy ETF and S&P Global Clean Energy Index ETF  
Quelle: Bloomberg. Stand der Daten: Oktober 2020. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Hinweis für die zukünftige Wertentwicklung bzw. aktuelle oder zukünftige Trends.

Veränderungen wie diese machen es möglich, eine kritische Masse zu erreichen und das Huhn-oder-Ei-Dilemma zu lösen. Dadurch werden ESG-Überlegungen realer und beschränken sich nicht mehr nur auf Eingeweihte. Wenn ich aus dem Fenster blicke und sehe, wie die Jugend von heute – unsere Zukunft – von der Schule zurückkehrt, denke ich gerne über meine eigenen Lebenserfahrungen nach. Ich verbrachte meine frühen, prägenden Jahre am Übergang vom ländlichen zum städtischen China. Als junges Mädchen schwamm ich regelmässig mit meinen Freunden im klaren Fluss meines Heimatorts. Im Zuge der Industrialisierung Chinas verschlechterte sich der Zustand des Flusses zunehmend. Eines Tages kehrte ich in den Ferien von der Universität zurück und traf mich mit alten Freunden am Fluss zum Schwimmen. Am nächsten Tag hatten wir alle am ganzen Körper einen roten, juckenden Hautausschlag. Obwohl dieser Zwischenfall eher unangenehm als gefährlich war, hinterliess er trotzdem einen tiefen Eindruck.

Wir sind nur die Verwalter des Fleckchens Erde, auf dem wir leben, denn wir haben es nur von unseren Kindern geborgt. Auch wenn es möglicherweise ein unbequemer Kompromiss ist, sollte nichts – nicht einmal der Drang Chinas, Millionen von Menschen aus der Armut herauszureissen – unumkehrbare und verheerende Auswirkungen auf die uns anvertraute Umwelt haben. Als Verwalter der Umwelt müssen wir mehr denn je versuchen, Möglichkeiten zu finden, um verantwortungsbewusst und nachhaltig zu investieren. Ein weiteres positives Zeichen, das in einer kürzlich erschienenen Studie zitiert wurde, ist die veränderte demografische Zusammensetzung der globalen Anlegerbasis, die zunehmend mehr Frauen und Millennials umfasst. Beide Gruppen zeigen ein gesteigertes Interesse am verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt.

Abbildung 3: Paradigmenwechsel – eine fundamentale Veränderung eines Ansatzes oder zugrunde liegender Annahmen

Figure 3: Paradigm shift – a fundamental change in approach or underlying assumptions 
Quelle: GAM. Nur zur Veranschaulichung.

Ich freue mich, heute berichten zu können, dass die wirtschaftliche Entwicklung in meiner Heimatstadt in den vergangenen 20 Jahren phänomenal war und der Fluss – in diesem Fall – mittlerweile wieder sauber ist. Und wie London damals aus der grossen Smog-Katastrophe können auch wir heute aus unseren Fehlern lernen. Es ist klar, dass wir die kritische Masse erreicht haben: Es gibt genügend Menschen, die erkennen, dass der von der Menschheit verursachte Klimawandel eine Tatsache darstellt. Daher können nachhaltige «Impact Investments» zu verbesserten Erträgen führen und einen zunehmenden messbaren Unterschied bewirken.

1«The State of the Global Energy Transition 2020», Arie et al.
2Professor Joseph Stiglitz – «The Bottom Line» BBC Radio 4 – 10. Oktober 2020.

 

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