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Europäische Banken: Der langsame Weg zur Normalisierung

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Das vierte Quartal 2020 markierte für die europäischen Banken einen allmählichen Weg zurück zur Normalisierung, meint Romain Miginiac, Head of Research bei Atlanticomnium. Das vergangene Jahr erwies sich als realistischer Stresstest für den Bankensektor, und dieser zeigte sich widerstandsfähiger als erwartet. Die Kapitalquoten befanden sich zum Jahresende über den Ständen vom Vorjahresschluss und es konnten erneut Ausschüttungen an die Aktionäre vorgenommen werden.

08. März 2021

Kapitalausschüttungen an die Aktionäre, der neue positive Katalysator

Das letzte Quartal 2020 bildete einen Wendepunkt in der Ertragsentwicklung europäischer Banken, eine Entwicklung, die bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres thematisiert wurde. Während die Erträge im Jahresverlauf unter Druck standen, übertraf die Solvabilität der Banken die Schätzungen und die Prognosen der Europäischen Zentralbank (EZB). Es ist davon auszugehen, dass die Ausschüttungen an die Aktionäre noch in diesem Jahr zunehmen werden, zumal das Ausschüttungsverbot ab September 2021 aufgehoben ist.

Die Zahlungsfähigkeit stellt weiterhin den Lichtblick in den Ertragsberichten der Banken dar. Die durchschnittliche Kernkapitalquote (CET1 = Common Equity Tier 1) unserer Stichprobe von Banken (in Übereinstimmung mit unseren früheren Artikeln über die Ertragslage) stieg im Quartal erneut an, so dass die durchschnittliche CET1-Quote von 13,4% vor Covid-19 auf nunmehr 14,2% zunahm. Noch bedeutender für die Anleger ist jedoch der Anstieg des Überschusskapitals im Verhältnis zu den Anforderungen auf 18 Mrd. USD, was einer Steigerung von nahezu 50% gegenüber dem Niveau von «Vor-Covid-19» entspricht. Die Widerstandsfähigkeit der Banken lag deutlich über den Erwartungen und übertraf die EZB-Projektionen in deren zentralen Szenario als Teil ihrer im Juli 2020 durchgeführten Schwachstellenanalyse. Dieses zentrale Szenario ging von einem Rückgang der CET1-Quote auf unter 13% aus, verglichen mit dem bisher beobachteten Anstieg.

Grafik 1: Die Kapitalpositionen der Banken verbesserten sich kontinuierlich ab dem 1. Quartal 2020

 
Quelle: Atlanticomnium, Bankberichte, siehe Fussnote Daten per 25. Februar 20211. Nur für illustrative Zwecke.

Da die Kapitalpositionen der Banken im letzten Quartal des vergangenen Jahres sowohl die Ziele des Managements als auch die aufsichtsrechtlichen Anforderungen deutlich überschritten haben, hat sich der Fokus auf die Ausschüttungen an die Aktionäre verlagert. Während Ausschüttungen im Jahr 2020 verboten wurden und bis September 2021 auf ein begrenztes Niveau beschränkt sind, gibt es darüber hinaus eine klare Bereitschaft der Unternehmensführungen, den Überschuss (die Managementziele übertreffende Beträge) an die Aktionäre zurückzugeben. Theoretisch wirken sich Ausschüttung an die Aktionäre nachteilig für die Anleiheinhaber der Unternehmen aus, da die Massnahme überschüssiges Kapital reduziert. Diese Betrachtungsweise hat sich zwischenzeitlich geändert. Die Fähigkeit, Dividenden zu zahlen, spiegelt mittlerweile sowohl die Zufriedenheit der Aufsichtsbehörden mit den Geschäftsmodellen der Banken als auch mit den wirtschaftlichen Aussichten wider. Da die Ausschüttungsbeschränkungen aufgehoben werden, ist dies nach unserer Ansicht ein positiver Katalysator, da es mehr Gewissheit über einen Aufschwung zum Ausdruck bringt, anstelle weiterer Einbehaltung von Gewinnen durch die Banken. Wir sind davon überzeugt, dass dies eine positive Nachricht für die Inhaber von Anleihen ist, da die Aktionäre weiterhin bereit sind, die Verlustrisiken zu tragen. Wir stellen darüber hinaus fest, dass die Möglichkeit, Dividenden zu zahlen, positiv auf die Aktienbewertungen wirkt und die Eigenkapitalkosten der Banken senken wird. Dies erleichtert nach unserer Meinung die Fähigkeit der Banken, bei Bedarf Eigenkapital zu beschaffen, und wirkt damit unterstützend auf die Widerstandsfähigkeit des gesamten Finanzsystems.

Asset-Qualität überrascht weiterhin positiv

Als weiteres Zeichen der Normalisierung blieb die Qualität der Aktiva im 4. Quartal stabil, wobei die Kreditverluste mittlerweile auf das Niveau von «Vor-Covid-19» zurückgingen. Dennoch bleibt die Unsicherheit bestehen, wobei negative Effekte erneuter «Lock-downs» (insbesondere in Europa) durch den Fortschritt des Impfprogramms und ermutigende neue Infektionsdaten ausgeglichen werden. Die Kreditverluste im 4. Quartal stiegen im Vergleich zum 3. Quartal, was sowohl die Saisonalität als auch die Auswirkungen der von den Banken vorgenommenen Anpassungen ihrer Makroszenarien widerspiegelt. Mit Risikokosten von knapp unter 60 Basispunkten haben die Banken weniger als die Hälfte der Spitzenwerte der ersten Hälfte des Jahres 2021 in Höhe von 120 Basispunkte der Kredite zurückgestellt.

Grafik 2: Die Risikovorsorge im Kreditgeschäft normalisierte sich im 3. und 4. Quartal 2020

 
Quelle: Atlanticomnium, Bankberichte, siehe Fussnote Daten per 25. Februar 2021. Nur für illustrative Zwecke.

Die zukünftige Entwicklung der notleidenden Kredite (NPLs) bleibt für die Anleger eine Schlüsselfrage. Da die staatlichen Garantiemassnahmen, die das Einkommen von Privatpersonen ersetzen und Unternehmen mit Liquidität versorgen, unverändert in Kraft sind, blieben die Ausfallraten moderat. Die NPL-Quoten der Banken wurden bisher nicht signifikant beeinflusst und sind laut dem Q3-Risiko-Dashboard der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde im September 2020 sogar leicht auf einen Tiefstand von 2,8 % gesunken. Diese Quote wird unweigerlich ansteigen, sobald die Unterstützungsmassnahmen für Privatpersonen und Unternehmen auslaufen, was höchstwahrscheinlich in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 und bis 2022 der Fall sein wird, wenngleich das Ausmass ungewiss bleibt. Angesichts der ausgeprägten Reaktionen von Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden erwarten wir eine begrenztere Auswirkung als in früheren Zyklen. Darüber hinaus gab es einige positive Entwicklungen bei der Widerstandsfähigkeit der Kreditbestände der Banken. Ein Grossteil der Moratorien, die den Kunden gewährt wurden, liefen bereits im 4. Quartal 2020 aus, wobei die grosse Mehrheit der Kunden wieder in den normalen Zahlungsplan zurückgekehrt ist und nur noch sehr wenige Zahlungsrückstände zu verzeichnen sind. So sind beispielsweise 80 % der von Banco Santander gewährten Moratorien in Höhe von 112 Mrd. Euro im 4. Quartal ausgelaufen, wobei nur 3 % der ausgelaufenen Moratorien notleidend wurden, was im Einklang mit dem gesamten Kreditportfolio des Unternehmens steht. Dieser Trend war bei der überwiegenden Mehrzahl der Banken feststellen und hat sich überraschend positiv auf die Asset-Qualität der Banken ausgewirkt.

Die Widerstandsfähigkeit der Banken wird weiterhin durch eine starke Solvabilitätsposition und der frühzeitigen Bildung von Rückstellungen für eventuelle zukünftige Kreditverluste unter den neuen Rechnungslegungsstandards (IFRS 9) gestützt, was unsere Überzeugung über den europäischen Finanzsektor widerspiegelt. Auch wenn nach wie vor erhebliche Unsicherheiten bestehen, dürfte eine notwendige Erhöhung der Rückstellungen eher zu Ertragsschwankungen führen als das Kapital zu gefährden. So schätzt beispielsweise die HSBC, dass unter ihrem schwierigsten Wirtschaftsszenario im Jahr 2020 zusätzliche USD 7,2 Mrd. an Risikovorsorge erforderlich gewesen wären. Dem stehen rund 9 Mrd. USD an Gewinnen vor Steuern gegenüber (darin sind bereits die rund 9 Mrd. USD an «Limited Liability Projects» (LLPs) enthalten, die im Jahr 2020 anfielen). Aus diesem Grund ist der Konzern in der Lage, die zusätzlichen Auswirkungen aus den laufenden Gewinnen zu absorbieren. Dies spiegelt die Fähigkeit des Sektors wider, einen Anstieg der NPLs und eine weitere Verschlechterung der Makroszenarien zu verkraften.

Obwohl wir einen gewissen Anstieg der NPLs in Richtung eines überschaubaren Niveaus erwarten, sollte das Ausmass der frühzeitigen Rückstellungen für eventuelle zukünftige Verluste im Jahr 2020 zu einem Rückgang von LLPs im Jahr 2021 führen.

Profitabilität bleibt unter Druck

Die Gewinne des vierten Quartals lagen weitgehend über den Konsensschätzungen, obwohl die Profitabilität der Banken unverändert unter Druck steht. Dies ist auf die Kreditvergabe an Privatkunden aufgrund der Auswirkungen niedrigerer langfristiger Zinsen, geringerer Aktivitäten im Privatkundengeschäft und einer Risikovorsorge für Kreditausfälle zurückzuführen, die weiterhin über dem günstigen Niveau von «Vor-Covid-19» liegt. Die relativen Gewinner des Jahres 2020 waren Banken mit begrenztem Kreditengagement (mit Fokus auf Wealth / Asset Management) oder solche mit relativ umfangreichen Investmentbanking-Aktivitäten, die von der Marktvolatilität und den erhöhten Kapitalmarktaktivitäten im Laufe des Jahres profitiert haben.

Die Aussichten für die Rentabilität im Jahr 2021 bleiben angesichts der anhaltenden Unsicherheiten im Zusammenhang mit Covid-19 und des anhaltenden Drucks auf die Nettozinsmargen der Banken aufgrund der niedrigen Zinsen schwierig. Mittelfristig erwarten wir, dass sich die Profitabilität des Sektors durch eine Kombination aus aggressiven Kostensenkungen, Fusionen und Übernahmen sowie sonstigen strategischen Massnahmen der Banken zur Zukunftssicherung ihrer Geschäftsmodelle verbessern wird. Aus der Sicht der Anleiheninhaber ist die wichtigste Erkenntnis aus dem Jahr 2020 die Fähigkeit der Banken, trotz des Eintritts eines realen Stresstestszenarios profitabel zu bleiben.

Aufbruch ins Jahr 2021

Auf dem Weg ins Jahr 2021 behalten wir unsere positive Einstellung zum Bankensektor bei. Die Banken haben bewiesen, dass sie über eine robuste Solvenz verfügen und in der Lage sind, Unsicherheiten im Zusammenhang mit Covid-19 zu absorbieren. Die Investoren werden sich in diesem Jahr weiterhin auf die Qualität der Aktiva konzentrieren und die NPL-Bildung sowie die Bestätigung einer Normalisierung der LLPs genau beobachten. Stresstests werden ebenfalls ein Schlüsselelement der Agenda sein. Die EBA wird voraussichtlich im Juli ihre Ergebnisse veröffentlichen, die detaillierten Aufschluss über die Widerstandsfähigkeit der einzelnen Banken geben. Angesichts der verbleibenden Unsicherheit sollten sich Investoren auf Banken konzentrieren, die in der Lage sind, ein längeres Covid-19-Szenario zu verkraften, ohne die Kreditfundamentaldaten zu belasten. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns weiterhin auf die europäischen Top-Banken, seien es globale systemrelevante Banken oder nationale Champions.

1Die Stichprobe umfasst UBS, Credit Suisse, Standard Chartered, HSBC, Deutsche Bank, Barclays und Banco Santander. Nur für illustrative Zwecke.
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Romain Miginiac

Fund Manager & Head of Research at Atlanticomnium S.A.

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