Grüne Anleihen: Bewertung der Auswirkungen

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Romain Miginiac von Atlanticomnium weist Anleger in grünen Anleihen darauf hin, dass Nachhaltigkeitsstrategien der Emittenten entscheidend für die Erzielung positiver Auswirkungen auf die Umwelt sind.

19. November 2021

Primäre Ziele der Anleger in grünen Anleihen sind die Schaffung positiver Wirkungen auf die Umwelt sowie einen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten. Hinsichtlich der Auswirkungen ist es daher wichtig zu prüfen, ob der Kauf einer grünen Anleihe einen ökologischen Vorteil gegenüber dem Nichterwerb erzielt. Es trifft zwar zu, dass mit der Emission einer grünen Anleihe die damit verbundenen Projekte abschliessend finanziert sind und die beabsichtigten Auswirkungen somit auf das Emissionsvolumen begrenzt sind. Wir sind dennoch der Auffassung, dass das Halten der Anleihe über den Kauf hinausgehende Auswirkungen hat. Eine im Zusammenhang mit einem Solarparkprojekt begebene Anleihe bewirkt beispielsweise die Vermeidung einer bestimmten Anzahl von Tonnen CO2 pro Jahr im Vergleich zu einem Ausgangswert. Da der Solarpark über einen längeren Zeitraum betrieben wird, tritt dieser Effekt jedoch nicht schlagartig am ersten Tag der Inbetriebnahme ein, sondern erstreckt sich über die Betriebsdauer des Parks. Aus unserer Sicht kann die Wirkung der Funktionsweise eines Zinskupons einer Anleihe gleichgesetzt werden, der über die Laufzeit anfällt. Mit jedem Tag, an dem die Anleihe gehalten wird, erzeugt das zugrunde liegende Projekt mehrere Megawattstunden Strom und trägt dazu bei, eine gewisse Menge CO2 zu vermeiden. Letztlich wird die Wirkung mit der Haltedauer der Anleihe erzielt, nicht mit ihrem Kauf bei der Emission oder am Sekundärmarkt.

Projekte und Emittenten

Bei Projekten, die bereits vor der Emission einer grünen Anleihe bestanden, könnte eingewendet werden, dass die Anleihe keine zusätzlichen Umweltwirkungen hat. In einer Zeit, in der der Bedarf und die Nachfrage nach Klimafinanzierungen steigen, kann von Emittenten erwartet werden, dass sie entweder neue Projekte finanzieren oder bestehende Projekte refinanzieren, für die erst vor Kurzem Anleihen begeben wurden, um eine zusätzliche Wirkung zu erzielen. Die Situation ist vergleichbar für eine Bank, die beispielsweise beabsichtigt, ihre grünen Finanzierungen aggressiv auszuweiten – indem sie entweder im Jahr 2020 Anleihen begibt, um 2021 Projekte zu finanzieren, oder Projekte im Jahr 2021 finanziert und daran anschliessend im Jahr 2022 grüne Anleihen begibt. Verwendet eine Bank die Erlöse hingegen für Projekte, die vor 20 Jahren gestartet wurden, ist dies problematisch. Darüber hinaus fragen Anleger überwiegend „neue“ Projekte nach, fordern aber auch einen schnellen Zeitplan für die Allokation der Erlöse aus grünen Anleihen. Das scheint den Emittenten Kopfzerbrechen zu bereiten und es erscheint herausfordernd, eine geeignete Konstellation darzustellen, die eine Refinanzierung tolerierbar machen.

Von noch höherer Bedeutung dürfte die Nachhaltigkeitsstrategie eines Emittenten (insbesondere seine Umweltstrategie) sein. Die zusätzliche Wirkung ergibt sich zudem aus der Entwicklung des Gesamtportfolios grüner Projekte des Emittenten. Daher profitieren Anleger durch den Kauf grüner Anleihen von Emittenten mit einer glaubwürdigen und ehrgeizigen Umweltstrategie von dieser zusätzlichen Wirkung. Dies ist von grösster Bedeutung, da zahlreiche Emittenten für ihre grünen Anleihen einen Portfolioansatz verfolgen. Das bedeutet, dass sie den grünen Anleihen keine speziellen Projekte zuweisen, sondern einen Bestand an grünen Vermögenswerten halten, der die im Umlauf befindlichen grünen Anleihen übersteigt. So erhöhte die BBVA beispielsweise ihr Portfolio geeigneter Vermögenswerte von 1,1 Mrd. EUR im Jahr 2018 auf 4 Mrd. EUR im Jahr 2020. Diese ehrgeizige Strategie beinhaltet bis Ende 2025 nachhaltige Finanzierungen und Förderungen im Wert von 200 Mrd. EUR. Grüne Anleihen sind daher ein natürliches Instrument, um Kapital für die Finanzierungs-Pipeline der Bank zu beschaffen. Abbildung 1 zeigt, dass der Pool an grünen Vermögenswerten der BBVA im Einklang mit den ausgegebenen grünen Anleihen stieg, wobei die Anleger von der Zusatzwirkung eines wachsenden Pools an grünen Vermögenswerten profitieren. Sofern Emittenten ihren Bestand an neuen grünen Projekten vergrössern, ist die Zusatzwirkung grüner Anleihen offensichtlich.

Abbildung 1: BBVA baute ihre grünen Vermögenswerte im Einklang mit den emittierten grünen Anleihen aus (in Mio. EUR)

  
Quelle: BBVA, Stand: Dezember 2020. Die Performance in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Hinweis auf aktuelle oder künftige Entwicklungen. Nur zur Veranschaulichung.

Bemerkenswert ist, dass das Konzept der Finanzierung und Refinanzierung in den kommenden Jahrzehnten an Bedeutung verlieren wird. Da die Finanzierung der Klimapolitik Fahrt aufnimmt und die kritische Masse der erforderlichen Projekte sich an den Zielen des Pariser Abkommens ausrichtet, werden grüne Anleihen hauptsächlich zur Refinanzierung bestehender, bereits in Betrieb befindlicher Anlagen dienen. Ihre Auswirkungen werden sich mit weltweit sinkenden CO2-Emissionen zunehmend verringern. Beispielsweise erzielt der Betrieb einer Solaranlage in einem Land mit vollständig grüner Energieversorgung im Vergleich zum Ausgangswert keine Einsparungen, sofern keine effizientere Technologie verwendet wird. Ein derartiges Szenario würde definitiv ein Luxusproblem und ein interessantes Diskussionsthema darstellen.

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Romain Miginiac

Fund Manager & Head of Research at Atlanticomnium S.A.
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