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Gesundheitswesen: Reif für eine disruptive Innovation

2. Mai 2019

Während Innovation im Gesundheitswesen seit Jahrzehnten ein Dauerthema ist, blieben die disruptiven Innovationsschübe, die den Technologiesektor prägen, bisher aus. Christophe Eggmann von GAM Investments erklärt, warum sich dies seiner Meinung nach abrupt ändern wird, und nennt einige der Themen und Anlagechancen, die sich voraussichtlich daraus entwickeln werden.

Innovation: von der konstruktiven zur disruptiven Kraft

Immer mehr kreative Neueinsteiger fordern mit disruptiver Innovation, mittlerweile ein häufig gebrauchtes Modewort, etablierte Unternehmen und ihre Ökosysteme heraus und setzen radikale Veränderungen in Gang. Gewöhnlich richten wir bei diesem Stichwort den Blick auf die Technologiebranche, die eine endlose Liste von Beispielen für solche Entwicklungen bietet. Aber auch im Gesundheitswesen wird disruptive Innovation zunehmend zu einem allgegenwärtigen Thema, das eine neue Dimension der Wertschöpfung in diesem Sektor verspricht. Wer als Anleger Trends und Akteure identifiziert, die bei dieser Disruption die Oberhand behalten und frühzeitig von ihr profitieren können, dürfte im Vorteil sein.

Im Gesundheitssektor ist Innovation seit Langem eine Voraussetzung für den Erfolg. Produkte – Medikamente, Geräte, Daten oder digitale Algorithmen – überleben dank Fortschritten, die durch Innovation erzielt wurden. Obwohl diese Innovationen mit einem gewissen Risiko verbunden sind, verleiht ihnen der schrittweise und kontinuierliche Charakter höhere Vorhersagbarkeit von Erfolg und Wirkung. Disruptive Innovationen sind dagegen unberechenbar und werden häufig erst im Rückblick erkannt.

Das Gesundheitswesen war in der Vergangenheit ein Bereich, in dem sich dramatische Veränderungen nur langsam abspielten. Ein Grund dafür waren die verschiedenen Interessengruppen, von denen jede ihre eigene Agenda verfolgt: Branchenunternehmen, Marktteilnehmer, Anleger, der Staat, die Konsumenten und die Politik – und einige dieser Akteure verfügen über enorme Macht und Ressourcen.

Die Schlagzeilen in den Nachrichten der letzten zwölf Monate signalisieren, dass sich die Resistenz der Branche gegen Disruption an einem Wendepunkt befindet. Der Gesundheitssektor steht kurz davor, massiv auf disruptive Innovationen zu setzen. Im Folgenden präsentieren wir einen Querschnitt unserer Prognosen zu den bevorstehenden «disruptiven Innovationen» im Gesundheitssektor.

Genmedizin im Kommen

Das erste personalisierte Medikament wurde Ende der 90er Jahre zur Behandlung von Brustkrebs auf den Markt gebracht. Mithilfe einer Gewebeentnahme wurden Patientinnen in eine Untergruppe von HER2-positiven Genträgern eingeordnet, bei denen Herceptin, ein speziell gegen das HER2-Protein gerichtetes Medikament, besser wirken kann. Durch die gezielte Hemmung von HER2, welches das Wachstum von Krebszellen fördert, konnte Herceptin die Lebenserwartung von Patientinnen im Vergleich zur herkömmlichen Chemotherapie mehr als verdoppeln und die damals standardmässige Behandlungsmethode ersetzen.

In der Zukunft ist es durchaus denkbar, dass Ärzte in der Lage sind, mit einem einzigen Test Hunderte von Mutationen zu identifizieren und das geeignete Verfahren für diese Mutationen auszuwählen, ungeachtet dessen, wo sich der Tumor im Körper befindet. Krebsarten können nach ihren genetischen Ursachen klassifiziert werden und Patienten danach, wie sie auf hochspezifische Wirkstoffe reagieren. Das hat einen derart starken Innovationsimpuls ausgelöst, dass bereits die ersten Ziele für Gentherapien identifiziert wurden, darunter RET und NKTR. Mittlerweile wurden hochspezifische Medikamente auf den Markt gebracht, mit denen Patienten unabhängig vom Tumorgewebe behandelt werden können. Dadurch kann die allgemeine Überlebensdauer von Patienten auf einen noch unbestimmten Zeitraum ausgedehnt werden. Dies eröffnet die Möglichkeit, trotz einer Krebsdiagnose ein ganz normales Leben zu führen.

Nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Bemühungen wurde in diesem Jahr endlich der Code für eine bisher nicht medikamentös behandelbare Mutation geknackt: die onkogene KRAS-Mutation. Leider ist die Prognose bei Krebsarten, deren Ursache ein mutiertes KRAS-Gen ist, wie Bauchspeicheldrüsenkrebs und bestimmte Formen von Lungen- und Darmkrebs, sehr schlecht. Damit ist KRAS ein höchst erstrebenswertes Ziel, da hier ein enormer, bislang ungedeckter medizinischer Bedarf besteht. Im Augenblick arbeiten zwei Unternehmen an einem Molekül: Mirati Therapeutics und Amgen. Die präklinischen Daten sehen vielversprechend aus, und bis zur Jahresmitte dürften die ersten Ergebnisse von Humanstudien zusätzlich die Hoffnung der Patienten stärken, die sie auf diese bahnbrechende Behandlungsmethode setzen. Auf der kommerziellen Seite ist die Chance enorm, da dies sofort einen Anteil von 15% am Lungenkrebsmarkt mit potenziellen Umsätzen von über USD 4 Mrd. eröffnen würde.

Jedes dieser Genziele stellt zwar nur einen kleinen Prozentsatz der vielen Krebsarten dar. Doch zusammen bieten diese «Nischen» vielen Menschen die Möglichkeit, von einer höchst differenzierten, wirksamen Lösung zu profitieren. Deshalb dürfte es in den nächsten Jahren zur gängigen Praxis werden, für jeden Tumor zunächst ein Genprofil zu erstellen. Bei der Lungenkrebstherapie entwickelt sich Next Generation Sequencing (eine neue Methode zur ultraschnellen und kostengünstigeren Sequenzierung von Genomen) jetzt schon zur etablierten Standardmethode.

Derzeit müssen die Patienten viele Zyklen verschiedener Behandlungsverfahren über sich ergehen lassen, bis keine Hoffnung mehr besteht. Doch in nicht allzu ferner Zukunft könnte eine einzige Behandlung wirksam genug sein, um Krebs zu einer Krankheit zu machen, mit der «man leben kann».

Gentherapie: das Risiko, zurückzufallen

Fortschritte in der Genforschung werden weiterhin zu Disruptionen im Gesundheitssektor führen. Dank der intensiven Forschung haben wir in den vergangenen 20 Jahren ein wesentlich besseres Verständnis der genetischen Ursachen von Krankheiten entwickelt. Derzeit existieren unvermindert über 7000 genetisch bedingte Krankheiten, von denen bislang nur 5% behandelbar sind.

Quelle: National Organisation for Rare Diseases, Blue Matter Consulting und GAM Investments (Dezember 2018). Schematische Darstellung.

Gentherapie-Technologien sind eine revolutionäre Behandlungsmethode für eine Fülle monogenetischer Erkrankungen (wie zum Beispiel Mukoviszidose). Aufgrund der rasanten Fortschritte in den letzten Jahren stehen wir jetzt vor einer Marktdisruption mit völlig neuen Behandlungsmethoden. Durch einen Vorstoss auf den grossen Markt der seltenen Krankheiten mit dem Versprechen zur Heilung einer Krankheit mit nur einer einzigen Behandlung – anstatt lediglich die Symptome zu bekämpfen – könnte das Leben von über 40 Millionen Menschen verbessert werden. Und die Technologie, die diesen «Wunschtraum» Wirklichkeit werden lassen kann, ist bereits vorhanden.

Wir gehen davon aus, dass die Gentherapie bestehende Behandlungsverfahren für chronische Erkrankungen ersetzen wird. Bei den grossen Pharmakonzernen löste dies in der letzten Zeit eine Fülle strategischer Massnahmen aus. Pfizer, Novartis, Roche und Biogen führten in diesem Bereich Übernahmen durch. Mit über USD 1 Mio. je Behandlung ist die Gentherapie zwar nicht billig. Doch dies verblasst im Vergleich zu den geschätzten Kosten von USD 20 Mio. für die lebenslange Behandlung von Menschen mit chronischen Krankheiten.

In den nächsten drei bis sieben Jahren dürften sich die Behandlungsmethoden durch die Gentherapie drastisch ändern. Unternehmen, die jetzt nicht aktiv werden, laufen Gefahr, zurückzufallen. Aufgrund der Verdrängungswirkung dieser Innovation werden kleine Unternehmen, die heute über Gentherapie-Technologien verfügen, unserer Meinung nach irgendwann übernommen werden. UniQure, RegenxBio, Bluebird, Biomarin und Sarepta sind nur einige dieser kleinen bis mittelgrossen Biotechnologieunternehmen, die unseres Erachtens mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren in grösseren Unternehmen integriert werden.

Die Zukunft: aufregende Zeiten im Gesundheitswesen

Disruptive strukturelle Veränderungen werden – zunächst unbemerkt – von nichttraditionellen Neueinsteigern vorangetrieben, denen der lukrative Gesundheitsmarkt mit seinen hohen Margen gute Gewinnchancen bietet. Gleichzeitig beschleunigt sich das Tempo disruptiver wissenschaftlicher Innovationen in der gesamten Branche – sei es durch die Gentherapie oder durch hochspezifische, zielgerichtete Medikamente. Unseres Erachtens stehen wir am Beginn einer Ära, in der Anleger über die Möglichkeit verfügen, diese disruptiven Kräfte zu nutzen und an der Wertschöpfung durch ein exponentielles, nie dagewesenes Wachstum zu profitieren. Die einzige Herausforderung besteht darin, frühzeitig dabei zu sein, und die klaren Gewinner und Verlierer zu erkennen.


Wichtige rechtliche Hinweise
Die Angaben in diesem Dokument dienen lediglich zum Zwecke der Information und stellen keine Anlageberatung dar. Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen und Einschätzungen können sich ändern und geben die Ansicht von GAM unter den derzeitigen Konjunkturbedingungen wieder. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Die vergangene Performance ist kein Indikator für die laufende oder künftige Wertentwicklung.
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