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Nachhaltiges Investieren – von innen heraus

02. Juli 2020

Rahul Mathur von GAM Investments erörtert die Bedeutung der Integration eines ESG-Konzepts in Anlagestrategien von Anbeginn an.

Von der Mikro- zur Makroebene

Nachhaltiges Investieren ist gleichbedeutend mit der Allokation von Kapital in Unternehmen, die sich nachhaltigen Geschäftsgrundsätzen verschrieben haben. Eine ganze Branche ist mittlerweile mit der Beurteilung von Unternehmen nach ökologischen, sozialen und Governance-Kriterien (ESG) sowie mit der Vergabe qualitativer Ratings befasst. Nach unserer Einschätzung verhindert diese singuläre Ausrichtung auf die mikroökonomische (oder Unternehmens-) Ebene eine sinnvolle Diskussion über potenzielle Chancen für nachhaltige Anlagen auf der makroökonomischen (oder gesamtwirtschaftlichen) Ebene. Dies geschieht, obwohl (1) die Grundlagen der von Unternehmen beachteten ESG-Richtlinien, ebenso wie die Existenz funktionsfähiger Kapitalmärkte, von Wirtschaftssystemen und der Wirtschaftspolitik geprägt sind und (2) die Nachhaltigkeit des allgemeinen Wirtschaftswachstums sowie der Nettoeffekt externer Faktoren von den kumulativen Aktivitäten der einzelnen Unternehmen in einem Wirtschaftssystem bestimmt werden.

Mit diesem Artikel möchten wir eine globale makroökonomische Perspektive für nachhaltiges Investieren vorstellen und aufzeigen, wie mit einer Anlagestrategie, die wirtschaftliche Nachhaltigkeit von vornherein in die Beurteilung integriert und unterschiedliche Wirtschaftsräume eingestuft werden können. 

ESG: Ein Minenfeld

Im vierten Quartal 2019 führte NatWest Markets eine Umfrage unter mehr als 50 Anlegern mit verwalteten Vermögen von mehr als USD 16 Billionen durch, um deren Ansatz für ESG-Anlagen zu beurteilen1.  Dabei gaben über 60% der Befragten an, dass die ESG-Strategie ihrer Organisation nicht einheitlich auf alle Anlagen angewandt wird. Viele nannten den Mangel an zuverlässigen ESG-Daten als wesentliches Hindernis für nachhaltiges Investieren. Das Fazit aus diesen Ergebnissen lautet, dass Anleger immer wieder an Vermögensverwalter geraten, die versuchen, bestehende Anlageprozesse mit einem ESG-Anstrich zu überziehen. Darüber hinaus verwenden zahlreiche Fondsmanager zunehmend ungeprüft Daten externer Rating-Agenturen. Damit wird effektiv nicht nur ein wesentliches Element der Due Diligence-Prüfung ausgelagert, sondern auch die Fähigkeit gemindert, Alpha zu erzielen, da die Fondsmanager passiv Empfehlungen beliebter Kauflisten umsetzen.

Ein glaubwürdiger ESG-Ansatz leistet nicht nur Lippenbekenntnisse für die Sache des nachhaltigen Investierens, sondern integriert Nachhaltigkeit von Anfang an in ein bestehendes Anlagekonzept. Drängt sich der Eindruck auf, dass ESG-Methoden, -Berater oder -Teams kurzerhand über Nacht «angeflanscht» wurden, fragen sich die Anleger zu Recht, warum diese Anlageprozesse verändert wurden und inwieweit man externen Dritten vertrauen kann.

Fundamentalanalysen stellten schon immer einen wesentlichen Bestandteil unseres Anlageprozesses dar. Wir stützen uns auf intern erstellte Wirtschaftsanalysen und verwenden öffentlich zugängliche Daten und Publikationen zur Beurteilung der unterschiedlichen Volkswirtschaften. Unter diesen Daten helfen uns Frühindikatoren, die voraussichtliche Richtung einer wirtschaftlichen Entwicklung zu bestimmen. Zentralbankberichte und Wirtschaftspublikationen geben Einblicke in die Geld- und Finanzpolitik. Soweit ESG-Faktoren im Einklang mit einem nachhaltigen Wachstum und einer soliden Produktivität stehen, werden sie automatisch berücksichtigt, zusammen mit einer Vielzahl weiterer makroökonomischer Variablen, die Bestandteile unseres pragmatischen Ansatzes zur Beurteilung der treibenden Kräfte des mittelfristigen Wirtschaftswachstums und der Inflation sind. 

Die Faktoren und Beispiele für ihre Anwendung

Umweltfaktoren

Aus quantitativer Sicht wird nachhaltiges Wirtschaftswachstum als der Aufwärtstrend des ökologisch bereinigten Nettoinlandsprodukts definiert. Qualitativ bezieht sich dies auf jene Rate des Wirtschaftswachstums, die ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt beibehalten werden kann. Das derzeitige rasante Wachstum könnte Naturressourcen erschöpfen und ökologische sowie wirtschaftliche Kosten für gegenwärtige und zukünftige Generationen verursachen. Diese Kosten umfassen beispielsweise die Umweltverschmutzung, die Ausbeutung von Erdölvorkommen und Fischbeständen und die globale Erwärmung. Damit eine Wirtschaft ein nachhaltiges Wachstum erreichen kann, muss sie vermutlich ihr produktives Potenzial steigern. 

Wir haben stets versucht, zwischen Volkswirtschaften zu differenzieren, in denen die politischen Entscheidungsträger aktiv ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum anstreben und solchen, in denen dies nicht der Fall ist. Umweltfaktoren stellen bei dieser Beurteilung eine wichtige Komponente dar. Wir schätzen die mittelfristigen Aussichten der schwedischen Wirtschaft aus einer Reihe von Gründen zuversichtlich ein. Schweden wird häufig als eine Volkswirtschaft eingestuft, die weltweit unter ökologischen Gesichtspunkten am nachhaltigsten wirtschaftet. Das Land errang diese Stellung nicht nur aufgrund der Nutzung erneuerbarer Energieträger und der geringen Kohlendioxidemissionen, sondern dank seiner sozialen und Governance-Praktiken. Im Jahr 1995 führte Schweden als eines der ersten Länder eine CO2-Steuer ein, und reduzierte damit massiv seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. In den letzten Jahren traten die Vorteile dieses politischen Ansatzes zunehmend deutlicher zutage, insbesondere im Vergleich mit Ländern, die weniger strikten Standards folgen. Länder wie China, in denen weniger rigorose Umweltvorschriften gelten, sind regelmässig gezwungen, Fabriken zu schliessen, um die Umweltverschmutzung zu drosseln. Die Fabrikschliessungen in China (im 4. Quartal 2017) hatten bedeutende Auswirkungen auf die Produktion und die Beschäftigung. 

Soziale Faktoren

Auf der mikroökonomischen oder Firmenebene umfassen die sozialen Faktoren die Kundenzufriedenheit, die Gleichstellung der Geschlechter und Diversität, den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre sowie die Beziehungen zur Gemeinschaft und die Einbindung der Mitarbeitenden. Auf der makroökonomischen oder gesamtwirtschaftlichen Ebene zählen unter anderem Menschenrechte und Arbeitsstandards zu den sozialen Faktoren. Qualitative und empirische Analysen deuten auf eine signifikante kausale Beziehung zwischen den Menschenrechten und dem Wirtschaftswachstum hin2. Volkswirtschaften, in denen ein höheres Mass an demokratischer  Freiheit und Mitbestimmung herrscht, weisen in der Regel ein nachhaltig höheres Wachstumsniveau und dadurch eine grössere politische Stabilität auf. Aus makroökonomischer Sicht enthalten zunehmend bilaterale und multilaterale Freihandelsabkommen sowie regionale Vereinbarungen zur wirtschaftlichen Integration soziale und arbeitsrechtliche Bestimmungen. Insgesamt spielen Arbeitsstandards nach unserer Einschätzung eine wichtige Rolle für die Funktionsfähigkeit der Arbeitsmärkte, die Produktivität der Arbeitnehmer, die Wirtschaftsleistung und den internationalen Handel.

Die mexikanische Wirtschaft war in den vergangenen Jahren ein Vorreiter bei der Entwicklung von Arbeitsstandards. Seit dem 1. Juli 2020 unterliegt der Handel zwischen den USA, Mexiko und Kanada dem neuen Freihandelsabkommen USMCA. Das USMCA enthält umfassende arbeitsrechtliche Bestimmungen einschliesslich eines Importverbots für Güter, die in Zwangsarbeit hergestellt wurden, sowie (gegenüber seinem Vorgänger «NAFTA») neue Verpflichtungen in Bezug auf Gewalt gegen Arbeitnehmer, den Schutz von Wanderarbeitern und die Diskriminierung am Arbeitsplatz. Die aktualisierten Arbeitsbestimmungen im Rahmen des USMCA stellen eine direkte Verbesserung des Wohlergehens und der Produktivität mexikanischer Arbeitnehmer dar. Gleichzeitig sichern sie dem Land den Zugang zu einem grossen Exportmarkt in den USA (dem Ziel von 73% der gesamten Exporte Mexikos). Wir beurteilen die Aussichten für die mexikanische Wirtschaft weiter zuversichtlich, da die Fortschritte bei den sozialen Faktoren, neben anderen Aspekten, die mittelfristigen Aussichten für das Wachstum und die Produktivität verbesserten.

Governance-Faktoren

Corporate Governance bezieht sich auf die Rechte und die Verantwortung der Unternehmensleitung. Obwohl Governance-Faktoren für die Anleger aus mikroökonomischer Sicht nicht immer relevant sind, ist eine gute Governance jedoch häufig das Ergebnis der Regierungspolitik und eine der tragenden Säulen funktionierender Kapitalmärkte. Eine Politik, die unternehmerische Verantwortlichkeit, politische Stabilität, die Wirksamkeit des Regierungshandelns, die Qualität der Regulierung, Rechtsstaatlichkeit und Korruptionskontrolle fördert, verbessert die gesamte Corporate Governance. Volkswirtschaften, die nach Governance-Kriterien schlecht abschneiden, weisen in der Regel weniger ausgereifte und weniger liquide Märkte auf. Diese Volkswirtschaften werden unter Umständen völlig aus speziellen Portfolios mit ESG-Fokus ausgeschlossen oder, sofern sie dafür zugelassen werden, möglicherweise lediglich in einem Ausmass darin aufgenommen, das ihrer ESG-Beurteilung entspricht. Daneben besteht auch die Möglichkeit, eine negative Einschätzung einer Volkswirtschaft, in der Regelungen zur Förderung einer guten Governance gefährdet sein könnten, über Short-Positionen auszudrücken. 

Für in- und ausländische Unternehmensinvestoren ist eine Politik, die eine solide Corporate Governance fördert, häufig eine Voraussetzung für ein Engagement. Regierungen, die diese Ziele proaktiv verfolgen, werden häufig durch ausländische Direktinvestitionen und Kapitalzuflüsse belohnt. Der ehemalige Präsident Mexikos, Enrique Peña-Nieto, trieb im Jahr 2013 die historische Reform des Energiesektors voran, die das bislang dort herrschende Staatsmonopol beendete und den Energiemarkt für Investitionen und den Wettbewerb durch ausländische und private Unternehmen öffnete. In den folgenden Jahren vergab Mexiko über 100 Verträge an ausländische Unternehmen – sowohl für die Ölexploration als auch für Solar- und Windfarmen. Die Öffnung dieses Sektors erforderte eine verbesserte Corporate Governance und Transparenz, um Auslandsbeteiligungen anzuziehen.

Ein praktischer Ansatz

Während sich die Anleger zunehmend auf ESG-Anlagen konzentrieren, ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass das Chancenspektrum erheblich breiter ist als die vorherrschende Debatte über Wertpapiere der Unternehmen. Wie sich Unternehmen verhalten, wird vom vorherrschenden politischen, rechtlichen und regulatorischen Umfeld geprägt, das sich wiederum auf die Nachhaltigkeit des allgemeinen Wirtschaftswachstums auswirkt. Nach unserer Einschätzung ist es für aktive Investmentmanager unerlässlich, pragmatisch vorzugehen und sich der Bedeutung von ESG-Faktoren für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum bewusst zu sein. 


1ESG Evolution: Addressing the analytical shortfall – an introduction, John Briggs, Februar 2020
2Menschenrechte und Wirtschaftswachstum, eine ökonometrische Analyse von Freiheits- und Mitbestimmungsrechten, Dänisches Institut für Menschenrechte, März 2017

Wichtige rechtliche Informationen
Die Informationen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und stellen keine Anlageberatung dar. Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen und Einschätzungen können sich ändern und den Standpunkt von GAM im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld widerspiegeln. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Informationen übernommen. Die Performance in der Vergangenheit ist kein Indikator für die aktuelle oder zukünftige Entwicklung. Die aufgeführten Unternehmen wurden aus dem Universum der von den Portfoliomanagern abgedeckten Unternehmen ausgewählt, um dem Leser ein besseres Verständnis der dargestellten Themen zu ermöglichen. Die aufgeführten Unternehmen werden nicht notwendigerweise von irgendeinem Portfolio gehalten und stellen auch keine Empfehlungen der Portfoliomanager dar. Die erwähnten Finanzinstrumente dienen lediglich der Veranschaulichung und sind nicht als direktes Angebot, Anlageempfehlung oder Anlageberatung zu verstehen.
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