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Der Wilde Westen

17. Juni 2020

Die neue Ära der Lockdown-Beschränkungen könnte eine neue Generation von Anlegern hervorgebracht haben. Mark Hawtin untersucht die potenziellen Auswirkungen dieser sich entwickelnden Gruppe auf die Investmentlandschaft.

Die Aktienmärkte durchliefen seit Jahresanfang eine turbulente Phase. Vor der Covid-19-Pandemie tendierten die Märkte bereits aufwärts, wobei die Segmente Wachstum und Technologie diese Tendenz anführten. Dann schlug Covid zu und löste den schnellsten Markteinbruch der Geschichte aus, gefolgt von der rasantesten Erholung der Vergangenheit. Der überwiegende Teil dieser jüngsten Bewegung lässt sich auf die ausserordentlichen Bemühungen der Zentralbanken zurückführen, mit Rekordgeschwindigkeit beispiellose Mengen an Liquidität bereit zu stellen. Dies erklärt zwar die allgemeine Markterholung, jedoch nicht die dramatischen Rotationen, die damit einhergingen. Goldman Sachs bietet eine Reihe von Aktienkörben in Form von Wertpapieren an, die ausgewählte Schlüsselfaktoren abbilden. Die nachfolgende Grafik zeigt diejenigen Körbe, die über einen Zeitraum von zwölf Monaten an Momentum verloren. Im Grunde stellt es den Korb der Titel mit der schlechtesten Preisdynamik der vergangenen zwölf Monate dar.

Chart 1: Goldman Sachs key factor baskets 

 
Quelle: Goldman Sachs, GAM

Dieser Korb stieg seit dem Tiefpunkt der Verkaufswelle um 140% auf den vor drei Tagen (zum Zeitpunkt der Niederschrift) erreichten Höchstwert und kletterte seit dem Kursrutsch von Mitte Mai um 80%. Es handelt sich hierbei um Titel, die von den meisten fundamental orientierten Anlegern vermutlich nicht gehalten werden und die «Long-Short»-Investoren als «Short»-Positionen halten. In geringerem Umfang zeigten andere Körbe vergleichbare Bewegungen, wie etwa Substanzwerte oder der «Gesundheitsrisiko-Korb». Er setzt sich aus Werten zusammen, die potenziell von einer Covid-19-Erholung profitieren (obwohl er erst vor drei Monaten als ein Korb geschaffen wurde, der die Covid-Risiken widerspiegeln soll).

Beim Versuch, diese ausserordentlichen Bewegungen zu analysieren, stiessen wir auf die ungewöhnliche Wiederkehr der Kleinanleger. Während des Lockdowns langweilten sich viele Menschen und hielten nach Aktivitäten Ausschau, die sie zu Hause ausüben konnten. Und was würde sich besser eignen, um sich seine Dopamin-Dosis zu holen, als an den Märkten mitzuspielen?

Abbildungen 2 und 3: Robinhood

Quelle: Unternehmensdaten, Robintrack, Goldman Sachs Global Investment Research

Wie diese zwei Grafiken zeigen, stiegen die Depoteröffnungen und die Handelsvolumen stark an. Die Anzahl der Transaktionen schoss von einem einigermassen stabilen Niveau von zwei Millionen pro Tag in den vergangenen vier Jahren um mehr als das Dreifache auf beachtliche sieben Millionen in die Höhe. Die grossen Online-Plattformen in den USA verzeichneten einen sprunghaften Anstieg bei den Depoteröffnungen. Bei Fidelity wurden im Zeitraum von März bis Mai 2020 1,2 Millionen neue Depots eröffnet – dies entspricht einer Steigerung um 77% gegenüber dem Vorjahr. TD Ameritrade meldete im ersten Quartal eine Zunahme von neuen Depots um 249%.

Die grösste Überraschung stellen jedoch die Daten der Plattform Robinhood dar. Ende 2019 hatte Robinhood zehn Millionen aktive Depots. Im 1. Quartal 2020 verzeichnete die Plattform eine Zunahme der Depoteröffnungen um 30% gegenüber dem 1. Quartal des Vorjahres. Das Durchschnittsalter der Kunden beträgt 31 Jahre. Das ist ein wichtiger Indikator, da er verdeutlicht, dass eine neue Gesellschaftsschicht ins Spiel kommt, die den Aktienmarkt bislang gemieden hatte. Und diese neuen Mitspieler investieren und agieren auf vollkommen unkonventionelle Weise. Sie lassen sich von der Verstärkung durch die sozialen Medien leiten. Sie achten nicht mehr darauf, welche Kommentare «Schlipsträger» auf CNBC zu Bewertungen äussern. Jetzt geht es darum, wer den meisten Wirbel macht und die grösste Gefolgschaft aufweist. Einer der Lautstärksten unter ihnen ist Dave Portnoy, der Gründer von Barstool Sports, der sich auf seinem Daytrading-Twitter-Account «Davey the Day Trader» mit über 1,5 Millionen «Followern» regelmässig zu Wort meldet. Seine Kommentare enthalten keine Bewertungskennzahlen.

Diese neuen Sprachrohre des Marktes legen grossen Wert darauf, als Antithese des traditionellen Anlegers zu gelten. Sie vertreten die Auffassung, dass es sich um den perfekten Kaufzeitpunkt für Aktien von Fluggesellschaften handeln muss, wenn Warren Buffet diese Wertpapiere verkauft. Diese Anlegergruppe ist vom Kauf von Lockdown-Gewinnern während des Marktabschwungs auf Erholungschancen unbeliebter Titel wie beispielsweise angeschlagene Fluggesellschaften oder regelrechte Konkursanwärter wie Hertz oder Chesapeake Energy umgeschwenkt. Arbeitslosigkeit, Handelskonflikte, soziale Unruhen, das Covid-Risiko und die bevorstehenden US-Wahlen verdienen offenbar keine Aufmerksamkeit und offensichtlich keinen Abschlag. Als Hertz Ende Mai Konkurs anmeldete und Carl Icahn seine Beteiligung am Unternehmen zu 72 Cent pro Aktie verschleuderte, stürzte sich die Daytrading-Herde begierig auf die Aktie, die dadurch innerhalb weniger Tage auf über USD 6 kletterte, bevor sie wieder auf USD 3 zurückfiel. Das soziale Megafon tönte so laut, dass sich Trader zu Beginn der vergangenen Woche auf den chinesischen Titel Fangdd stürzten, da sie fälschlicherweise annahmen, er habe etwas mit einem FANG-Unternehmen zu tun, nur um anschliessend festzustellen, dass es sich dabei tatsächlich um ein chinesisches Immobilienunternehmen handelt. Der Preis der Aktie schnellte an einem einzigen Tag von USD 10 auf USD 40 in die Höhe, bevor er wieder abrupt absackte.

Wir erinnern uns noch gut an die Masseneuphorie der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Die aktuelle Entwicklung lässt zunehmend zahlreiche Kennzeichen des damaligen Überschwangs erkennen. Dennoch existieren eine ganze Reihe von qualitativ hochwertigen Wachstumsunternehmen, die nicht teuer sind, obwohl sich das fundamentale Umfeld vollkommen verändert hat. Darüber hinaus stellt die schiere Menge des verfügbaren Kapitals ein stichhaltiges Argument für den fortgesetzten Kauf von Aktien dar. Ungeachtet dessen, ob sie auf Fundamentaldaten basiert oder nicht (möglicherweise sind Anlagen aufgrund fundamentaler Unternehmensdaten ein alter Hut?), stellt sich die Frage, ob diese neue Ära des sozialen Investierens mehr mit Las Vegas gemein hat als mit traditionellen Märkten. Zur Erinnerung: Aktien sind lediglich ein Stück bedrucktes Papier, das zu dem Preis gehandelt wird, den jemand bereit ist, dafür zu zahlen. Heutzutage gibt es zahlreiche junge Anleger, die ein Konzept oder Thema wertschätzen, beispielsweise Tesla als Verkörperung des Trends zu Elektroautos und zum Transport als Dienstleistung. Nachdem der Aktienkurs von Tesla in der letzten Woche USD 1 000 erreichte, womit sich sein Marktwert mit USD 180 Milliarden dem von Toyota – dem grössten Automobilkonzern der Welt – nähert, sollten wir uns bewusst machen, dass Tesla im Jahr 2019 im Vergleich zu den 10,7 Millionen produzierten Einheiten von Toyota lediglich 367 000 Autos hergestellte.

Die Menge des verfügbaren Kapitals wird mit zunehmendem Zeitablauf wieder abnehmen. Dann sollten sich die Fundamentaldaten wieder durchsetzen. Bei fundamental abgestützten Strategien sollte man sich jedoch dieser neuen Kraft und ihrer Auswirkungen bewusst sein. In der vergangenen Woche wurden an nur einem Tag 1,2 Millionen Apple-Optionen gehandelt. Am Ende des Handelstages bestanden jedoch lediglich 135 000 offene Positionen. Das impliziert eine «Intraday»-Aktivität im Gegenwert von USD 35 Milliarden bei einem einzigen Titel. Das stellt ein völlig neues Faktorrisiko dar, das beim Portfolioaufbau beachtet werden muss, solange diese Kräfte derartig stark bleiben.

Ich warte einstweilen auf die Eröffnung meines eigenen Robinhood-Depots. Bei den Recherchen für diesen Artikel kam ich zu dem Schluss, dass ich dort «unbedingt» ein Depot eröffnen sollte. Die nachstehende Abbildung zeigt den «Screenshot» der britischen Webseite von Robinhood. Zum Zeitpunkt der Niederschrift befinde ich mich auf Platz Nr. 225 247 in der Warteschlange für das «Onboarding» – und das betrifft ausschliesslich die britische Warteliste. Wenn das nicht laut nach einer «Blase» schreit, dann weiss ich auch nicht.

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