UK-Aktien: Die Zeichen stehen gut

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Der Marktanteil des Vereinigten Königreichs am MSCI World Index beträgt etwa 4 %, gegenüber einem Anteil von fast 69 % (1) für die USA. Aus diesem Grund ist der britische Aktienmarkt in erster Linie für inländische Anleger von Interesse. Das Vereinigte Königreich zählt jedoch zu den Märkten mit der besten Performance im bisherigen Jahresverlauf. Adrian Gosden erläutert, warum er davon überzeugt ist, dass Anleger aus aller Welt diesen Markt genauer unter die Lupe nehmen sollten.

26. Juni 2022

Das aktuelle Marktumfeld des Vereinigten Königreichs unterscheidet sich deutlich von dem der Jahre 2016 bis 2020, einem von unterschiedlichen idiosynkratischen Ereignissen geprägten Zeitabschnitt, der durch fehlende Technologietitel aus dem «Large-Cap»-Segment noch verstärkt wurde, als viele Anleger den Wachstumsstil bevorzugten. Wir sind davon überzeugt, dass die Trendwende im Vereinigten Königreich insbesondere auf vier Faktoren zurückzuführen ist.

Die Rückkehr der Dividende

Den ersten wichtigen Aspekt in diesem Zusammenhang stellt die hohe Bedeutung von Dividenden für den britischen Markt dar. Dividenden trugen in den vergangenen 100 Jahren zur Hälfte der Gesamtrendite britischer Aktien bei. Ohne Dividenden ist Wertzuwachs nur schwer zu erzielen, wie im Jahr 2020 deutlich wurde, als der britische FTSE 100-Index eine Performance von -10 % erzielte, während der Nasdaq um 40 % (2) an Wert gewann. Entscheidend dabei ist, dass Dividenden mittlerweile ein «Comeback» erleben - und zwar ein starkes. Wir befinden uns derzeit in einem Marktumfeld, das sich durch steigende Dividendenzahlungen auszeichnet. Von dieser Entwicklung profitieren nicht nur die Aktien selbst, sondern sie bietet Anlegern darüber hinaus ein wertvolles Instrument zur Bewältigung der derzeitigen Inflationsauswirkungen.

Angesichts der zu erwartenden Rezession werden in den kommenden Monaten voraussichtlich einige Unternehmen die Gewinnerwartungen herabsetzen, wobei sich die Auswirkungen auf die Dividenden in Grenzen halten dürften. Während der Pandemie schrumpften die Dividendenzahlungen im Vereinigten Königreich von 100 Mrd. GBP auf 60 Mrd. GBP, was auf Ladenschliessungen und - im Falle der Banken - auf aufsichtliche Massnahmen zurückzuführen war. Nachdem zahlreiche Unternehmen ihre Dividendenzahlungen wieder aufgenommen haben, erwarten wir keine weiteren Kürzungen. Auf dem britischen Markt gelten Dividenden als unantastbar und ein Unternehmen, das seine Dividenden nicht zuverlässig aufrecht erhalten kann, verliert in den Augen der Anleger an Attraktivität.

Umfangreiche Unternehmensaktivitäten

Der zweite wichtige Punkt betrifft die derzeitige umfangreiche unternehmerische Dynamik auf dem britischen Markt. Das Wirtschafts- und Finanzinformationsunternehmen Euromoney wurde in diesem Monat von einer Private Equity-Gesellschaft mit einem erheblichen Preisaufschlag übernommen. Derartige Übernahmen stellen keine Ausnahme dar, sondern finden nahezu jede Woche auf dem britischen Markt statt. Hintergrund hierfür sind die Schwäche des Pfund Sterling sowie die Unterbewertung im Vergleich zu anderen Märkten. Private Equity-Firmen erwerben britische Unternehmen, veräussern diese ausserbörslich und erzielen damit potenziell hohe Renditen.

Auch GSK, eines der grössten Pharma- und Biotechnologieunternehmen des Vereinigten Königreichs, wurde kürzlich in zwei separate Unternehmen - Haleon und Glaxo - aufgespalten. Aktivistische Anleger forderten eine derartige Aufteilung mit der Begründung, dass das Unternehmen als zwei getrennte Unternehmen mehr wert sei. Dieser Vorgang ist ebenfalls kein Einzelfall und wir beobachten diese Art von Aktivismus seitens der Aktionäre mittlerweile bei zahlreichen FTSE 100-Unternehmen, darunter Unilever und SSE. Somit lautet die Devise: CEOs können sich nicht länger zurücklehnen und abwarten; Aktivisten fordern Handeln und Wertschöpfung.

Beispiellose Anzahl von Aktienrückkäufen

Ein weiteres, für das Vereinigte Königreich ungewöhnliches Phänomen sind die gegenwärtig in beispiellosem Umfang stattfindenden Aktienrückkäufe. Britische Unternehmen, vor allem aus dem Finanz- und Energiesektor, die ihre Dividenden ausgeschüttet haben und über gesunde Bilanzen verfügen, kaufen sich selbst auf. In diesem Jahr kündigte Barclays Aktienrückkäufe in Höhe von 1 Mrd. GBP an, NatWest 750 Mio. GBP und BP 5 Mrd. USD. Angesichts der niedrigen Kurse ihrer britischen Papiere entscheiden sich diese Unternehmen für den Rückkauf eigener Aktien, zumal Übernahmen auf dem Gesamtmarkt aus Kostengründen nicht möglich sind. Dieses Handeln bewerten wir als Ausdruck der Anerkennung des Unternehmenswerts. Darüber hinaus sind Aktienrückkäufe auch deswegen von Bedeutung für die Anleger, weil sie den für die Berechnung der Dividende je Aktie und des Gewinns je Aktie zugrunde liegenden Nennwert verringern. Somit steigen rein rechnerisch sowohl der Gewinn je Aktie und als auch die Dividende je Aktie.

Die Zusammensetzung des britischen Marktes

Unabhängig von diesen drei positiven Hauptmerkmalen des britischen Aktienmarkts - Dividenden, Unternehmensaktivitäten und Aktienrückkäufe - sollte die Wirkung der Zusammensetzung des britischen Marktes nicht unterschätzt werden. So entfällt lediglich 1 % des FTSE 100-Index auf den Technologiesektor, während der Technologieanteil am S&P 500 (3) nahezu 30 % beträgt. Der britische Markt wird hingegen von Finanzwerten, Öl- und Gas- sowie Bergbauaktien dominiert, Sektoren also, die angesichts der derzeitigen steigenden Zinsstrukturkurve voraussichtlich eine positive Entwicklung verzeichnen werden.

Die Zeichen für britische Aktien stehen somit nach einer längeren Durststrecke unserer Meinung nach günstig. Wir sind davon überzeugt, dass die aktuelle Lage ähnliche Perspektiven wie in den Jahren 2000, 2008 und 2020 bietet. Dies erfordert die Einhaltung eines soliden Anlageprozesses, die Beachtung der Cash-Flow-Prinzipien, den Einsatz des Kapitals zum richtigen Zeitpunkt und insbesondere den Mut, in diesem neuen Anlageparadigma weitreichende Entscheidungen zu treffen.

(1) Quelle: MSCI, per Stand: 30. Juni 2022
(2) Quelle: Bloomberg
(3) Quelle: FTSE Russell, S&P Global, per Stand 30. Juni 2022
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Adrian Gosden

Investment Director
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