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Delisting chinesischer Aktien in den USA

6. November 2019

Das Drama um den Handelsstreit zwischen den USA und China setzt sich fort. Zuletzt deutete die Trump-Regierung die Möglichkeit an, Wertpapiere chinesischer Unternehmen von den US-Börsen zu verbannen. Jian Shi Cortesi von GAM Investments untersucht die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung dieser Drohung in die Realität.

Im Handelskonflikt zwischen den USA und China wird eine weitere Schlacht ausgetragen. Quellen in der Trump-Regierung deuteten an, dass ein Delisting chinesischer Aktien als mögliche Waffe im aktuellen Konflikt zwischen den beiden Nationen eingesetzt werden könnte. Bislang legten sie nur begrenzte Details dazu vor, wie dies durchgesetzt werden könnte und wie streng die neuen Regeln ausgelegt würden. Daher stellt sich die Frage: Beabsichtigt US-Präsident Trump damit in Wirklichkeit nur vom Ukraine-Skandal abzulenken?

Ohne Antworten auf diese Fragen gerieten die Anleger zunächst in Panik und die Aktienkurse von chinesischen Unternehmen, die an US-Börsen gelistet sind, brachen ein. Monica Crowley, die Sprecherin des US-Finanzministeriums, reagierte auf das Chaos mit folgender Ankündigung, die die Gerüchte unterbinden sollte: «Die Regierung erwägt derzeit nicht, chinesische Unternehmen an einer Notierung ihrer Aktien an US-Börsen zu hindern.» Die vage Formulierung dieses Dementis verstärkte jedoch lediglich die Besorgnis der Anleger: Die Verwendung des Ausdrucks «derzeit» könnte darauf hindeuten, dass ein Delisting unverändert eine denkbare Option und keine absolute Unmöglichkeit darstellt. Die Anleger beurteilen die Zukunft chinesischer Unternehmen in den USA weiterhin skeptisch. Nachdem Peter Navarro, der Handelsberater des Weissen Hauses, erklärt hatte, es handle sich um «Fake News», konnten sich die Kurse chinesischer Aktien geringfügig erholen. Die allgemeine Einschätzung bleibt jedoch zwiespältig.

Nach unserer Einschätzung besteht eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass chinesische Unternehmen von den US-Börsen verbannt werden. Eine derartige Aktion würde höchstwahrscheinlich eine massive Gegenreaktion von institutionellen Anlegern, Investmentbanken und Börsen auslösen. Die Unterbindung von Anlagen in chinesischen Unternehmen könnte die Anleger unbeabsichtigten Tracking-Error- und Underperformance-Risiken aussetzen, da viele dieser Unternehmen wichtige Bestandteile massgeblicher Indizes sind.

Darüber hinaus würde ein Delisting nach unserer Einschätzung die Glaubwürdigkeit der USA als offener Finanzmarkt ernsthaft schädigen und das Vertrauen in American Depositary Receipts (ADRs) untergraben. Zudem würde es die Wettbewerbsfähigkeit der US-Börsen gegenüber zahlreichen globalen Marktplätzen beeinträchtigen. Beim Börsengang von Alibaba konkurrierte die US-Börse beispielsweise mit der Börse in Hongkong. Darüber hinaus wäre ein Delisting in einem derart grossen Ausmass ein beispielloses Ereignis. Selbst russische Unternehmen werden trotz der US-Sanktionen gegen Russland unverändert an den US-Börsen gehandelt.

Im unwahrscheinlichen Fall eines Delistings gäbe es zwei Möglichkeiten für China; freiwilliges oder unfreiwilliges Delisting. In einem sehr geringen Umfang konnte bereits eine Form des freiwilligen Delistings beobachtet werden, da einige chinesische Unternehmen dem US-Markt den Rücken kehrten. In diesen Fällen boten die Unternehmen Rückkaufpreise, die 20% bis 50% über dem Marktpreis lagen, um die Anleger dazu zu bewegen, dem Delisting zuzustimmen. Sollte das Delisting von der US-Regierung ausgehen, erwarten wir jedoch keine vergleichbaren Aufschläge. Unternehmen, die ihre Aktien von der US-Börse nehmen, könnten diese in Hongkong, Shanghai oder an anderen Börsenplätzen wieder notieren lassen.

Anleger fürchten ein unfreiwilliges Delisting, da dies Panikverkäufe unter den Anlegern auslösen könnte. Nach unserer Einschätzung könnte diese Vorgehensweise eine einmalige Chance für den Kauf der Aktien der betroffenen Unternehmen zu Schnäppchenpreisen darstellen, da sich ein Delisting nur kurzfristig auf die Aktienkurse auswirken sollte. Die Handelbarkeit würde im Anschluss an ein Delisting bis zur erneuten Notierung für die Aktionäre begrenzt sein. Es ist davon auszugehen, dass die verbannten Unternehmen langfristig voraussichtlich eine Notierung ihrer Aktien an Börsen ausserhalb der USA anstreben. Nach unserer Einschätzung wird das oben beschriebene Szenario jedoch nicht eintreten, da die US-Regierung den betroffenen Unternehmen höchstwahrscheinlich einige Jahre für die Umsetzung einräumen würde, um die Auswirkungen eines unfreiwilligen Delistings auf den Markt zu vermeiden.

Für die chinesische Regierung hätte ein Delisting nach unserem Dafürhalten auf lange Sicht keine negativen Folgen. Nach unserer Einschätzung würde sie eine Notierung an inländischen Börsen begrüssen. Um dies zu erleichtern, könnte sie vorteilhafte Regelungen einführen, um die betroffenen Unternehmen zu einer zügigen Börsennotierung ihrer Unternehmen zu motivieren. Alibaba plant derzeit eine Notierung in Hongkong. Weitere Unternehmen könnten nachziehen, da die Gefahr eines unfreiwilligen Delistings unverändert besteht. Für diese Unternehmen sollte die Kapitalbeschaffung an anderen Börsen keine Herausforderung darstellen. Realistisch gesehen würden sie bei einer Notierung an chinesischen Inlandsbörsen erheblich höhere Bewertungen erzielen.

Fazit: Im unwahrscheinlichen Fall, dass chinesische Aktien von den US-Börsen genommen werden müssen, hätte dies nach unserer Einschätzung auf mittlere bis längere Sicht kaum negative Auswirkungen auf chinesische Unternehmen. Anleger in den USA und der US-Kapitalmarkt hätten die grössten Nachteile zu verzeichnen. Die chinesische Regierung könnte dies indes als Gelegenheit nutzen, einige der besten Unternehmen Chinas wieder am heimischen Kapitalmarkt zu begrüssen.

Wichtige rechtliche Hinweise
Die Angaben in diesem Dokument dienen lediglich zum Zwecke der Information und stellen keine Anlageberatung dar. Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen und Einschätzungen können sich ändern und geben die Ansicht von GAM unter den derzeitigen Konjunkturbedingungen wieder. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Die vergangene Performance ist kein Indikator für die laufende oder künftige Wertentwicklung.