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Lehren aus dem Iran

Marketingmaterial nur für professionelle / institutionelle / qualifizierte Investoren

Das traditionelle Kriegsszenario der Investoren lautet „Aktien fallen, Anleihen steigen“. Bislang hat der Iran-Konflikt das Gegenteil bewirkt. Die Frage lautet, ob Investoren daraus Lehren ziehen können.

11. Mai 2026

Stellen Sie sich vor, Ihnen würde am 27. Februar 2026 mitgeteilt, dass ein Krieg im Nahen Osten bevorsteht, der die Strasse von Hormus faktisch blockieren würde, und Sie befänden sich in der privilegierten Situation, dies nicht nur mit Sicherheit zu wissen, sondern sich auch darauf vorbereiten zu können. Angesichts dieser einzigartigen Gelegenheit würde die klassische Investitionslogik vorgeben, die Aktienquote im Portfolio zu reduzieren und klassische Diversifikationsinstrumente wie Staatsanleihen aufzustocken.

Unglaublicherweise hätte diese Strategie vom Beginn der Bombardierungen bis Ende April zu Verlusten geführt. Die Überraschung darüber, dass sogar bewährte Investitionen wie die 10-jährige US-Staatsanleihe tatsächlich gefallen sind, wäre nur noch übertroffen worden von der völligen Ungläubigkeit darüber, dass der S&P 500 Index bis Ende April deutlich im positiven Bereich lag und innerhalb weniger Wochen eine V-förmige Erholung vollzogen hat.

Die drängenden Fragen, mit denen Investoren angesichts dieser Überraschung konfrontiert sind, lauten: Liegen die Märkte irgendwie „falsch“ – und stehen sie möglicherweise kurz davor, als Reaktion auf die Ereignisse im Nahen Osten wieder zur Normalität zurückzukehren? Oder stellen grundlegende Veränderungen in der Marktlandschaft die traditionell mit US-Staatsanleihen verbundene Diversifikations-„Superkraft“ infrage, während sie dem S&P 500 eine neu gewonnene Widerstandsfähigkeit verleihen?

Rollentausch – S&P 500 erholt sich, während die Anleiherenditen steigen (und die Kurse fallen):

From 31 Dec 2025 to 4 May 2026

 
Quelle: Bloomberg
Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse oder Trends.

Ausgehend von der Reaktion der US-Staatsanleihen während des Iran-Konflikts stieg die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen von 3,9 Prozent* am Vorabend der ersten Luftangriffe auf 4,4 Prozent* bis zum 4. Mai, während die Kurse zurückgingen. Dies kam für Investoren überraschend, die US-Staatsanleihen als verlässlichen sicheren Hafen betrachteten. Es ist jedoch anzumerken, dass ihre Renditen nicht automatisch steigen, sobald es negative Nachrichten am Markt gibt. Jüngste Untersuchungen1 von AQR zeigen sogar, dass sie im 20. Jahrhundert oft eine hohe Korrelation mit Aktien aufwiesen und erst in den letzten Jahrzehnten in Phasen erhöhter Volatilität invers zu Aktien (d.h. defensiv) reagierten.

Ein Inflationsschock, kein Wachstumsschock (vorerst)

Ob US-Staatsanleihen in volatilen Phasen steigen oder fallen, hängt davon ab, ob der externe Schock stärker wachstums- oder inflationsgetrieben ist. Wie AQR bereits im Jahr 2022 treffend formulierte: „Die Inflationsniveaus haben sich in einigen Märkten stabilisiert, aber die Inflationsunsicherheit ist höher als seit mehreren Jahrzehnten.“ Dieses relativ neue inflationsgeprägte Umfeld hat US-Staatsanleihen offenbar anfällig für steigende Inflationserwartungen gemacht. Es überrascht daher kaum, dass sie auf den Angebotsschock durch den Iran-Krieg mit steigenden Renditen (und fallenden Kursen) reagierten, um höhere zukünftige Inflation widerzuspiegeln. Ein nicht inflationärer, „reiner“ Wachstumsschock hätte wahrscheinlich anders ausgesehen und den gewünschten „schützenden Effekt“ gehabt, der in den letzten Wochen gefehlt hat. Die Renditen wären wahrscheinlich gefallen und die Anleihekurse entsprechend gestiegen. Das Wirtschaftswachstum könnte natürlich noch einen Dämpfer erhalten. Die jüngsten Wachstumsprognosen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)und des Internationalen Währungsfonds (IWF)3 vom März bzw. April wurden zwar nicht wesentlich nach unten korrigiert, berücksichtigen jedoch die Möglichkeit einer Abschwächung. Aus Sicht des Anleihemarktes bleibt der IranKonflikt jedoch derzeit primär ein Inflationsschock.

Verlust der Schutzfunktion – US-Staatsanleihen bieten seit dem Jahr 2022 keine negative Korrelation mehr zu Aktien:

Fünfjahreskorrelation vom 31. Dezember 1999 bis 4. Mai 2026

 
Quelle: RIMES, Bloomberg
Der Bloomberg US Aggregate Bond Index ist ein breit gefasster Referenzindex für den US-Anleihemarkt.
Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse oder Trends.

Warum scheinen US-Aktien einfach weiter zu steigen?

Nachdem ein Rätsel scheinbar gelöst ist, ist es nun an der Zeit, sich dem Grösseren zuzuwenden, nämlich der Frage, wie es US-Aktien gelungen ist, seit Beginn des Iran-Kriegs deutliche Kursgewinne zu verzeichnen? Insbesondere US-LargeCaps im S&P 500, die über 60 Prozent des MSCI World All Country Index ausmachen, sind zwischen dem 27. Februar und dem 4. Mai um +4,9 Prozent* gestiegen. Einige Kommentatoren sprechen von Selbstzufriedenheit oder sogar von ungerechtfertigter „Straffreiheit“, für einen Krieg, zu dessen Ausbruch die USA selbst beigetragen haben. Doch es gibt tiefgreifende Gründe für diese relative Widerstandsfähigkeit.

KI-Optimismus und Unternehmensgewinne bieten Unterstützung

Ein erster Faktor ist die Aussicht auf weitere Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Zum 4. Mai lag die Konsensschätzung der Wall Street für das Gewinnwachstum im Jahr 2026 im technologieintensiven Nasdaq100Index bei über 37 Prozent* gegenüber dem Vorjahr. Während US-Energieunternehmen erwartungsgemäss von Angebotsengpässen am Ölmarkt profitieren dürften, wird auch für den breiteren S&P 500, der zahlreiche potenzielle „Verlierer“ eines Energieschocks umfasst, darunter Konsum- und Transportsektoren, weiterhin ein Gewinnwachstum von über 20 Prozent* prognostiziert. Überraschenderweise sind diese Schätzungen für das Jahr 2026 seit Beginn des Krieges sogar gestiegen.

Kriege sind schlimm – aber nicht immer für Aktien

Ein weiterer unterstützender Faktor ist historischer Natur, nämlich dass Kriege in den USA nicht durchweg und ausschliesslich zu Börsencrashs oder Rezessionen geführt haben. Vielleicht spiegelt dies die privilegierte geografische Lage der USA wider, die es ermöglicht, sich an Konflikten im Ausland zu beteiligen und sich dann zurückzuziehen, ohne gravierende Auswirkungen auf die Binnenwirtschaft zu spüren. Zwar verzögerte der Zweite Weltkrieg die Erholung vom Börsencrash von 1929 bis in die frühen 1950er Jahre. Doch Vietnam, der Erste Golfkrieg, Afghanistan und der Zweite Golfkrieg haben weder den Aktienmarkt noch die Wirtschaft nachhaltig geschädigt. Die Innovationskraft und das natürliche Wachstumspotenzial des grossen Binnenmarktes haben sich langfristig als robust erwiesen.

Privatanleger kaufen Rückgänge? Es gibt dafür eine App

Der vermutlich wichtigste Faktor ist jedoch die wachsende Bedeutung privater Investoren. Eine Studie von JPMorgan Chase4 hat einen tiefgreifenden strukturellen Wandel in diesem Marktsegment aufgezeigt. So lag beispielsweise der Anteil der 25-Jährigen mit Investmentkonten im Jahr 2015 bei sechs Prozent, stieg aber bis zum Jahr 2024 auf 37 Prozent. Dadurch hat sich eine „Buy-the-Dip“-Mentalität entwickelt, bei der schlechte Nachrichten zunehmend als Kaufgelegenheiten gesehen werden, statt Anteile zu verkaufen oder abzuwarten. Wie das Wall Street Journal kürzlich formulierte: „Schlechte Nachrichten wecken sogar noch stärkeres Interesse bei Investoren, die für den Aktienmarkt nur Aussichten auf weitere Rekordstände sehen.“

Die Verbraucher könnten bald den Druck zu spüren bekommen

Für Investoren ergeben sich daraus unterschiedliche Schlussfolgerungen. Zunächst sollten Marktreaktionen auf den Iran-Konflikt kein Anlass sein, bestehende Portfolios vollständig umzustellen. US-Staatsanleihen fokussieren sich derzeit stärker auf Inflation und können kurzfristig Volatilität verursachen. Sollte der Krieg jedoch andauern, werden steigende Energiepreise zunehmend das Wachstum belasten, da Verbraucher gezwungen sind, mehr für Energie auszugeben und weniger für diskretionäre Konsumausgaben wie Autos oder Restaurantbesuche.

Sowohl in Europa als auch in den USA mehren sich Berichte darüber, dass Haushalte schwierige Abwägungen treffen müssen – etwa zwischen Mobilitätskosten und Heizung auf der einen Seite und Urlaub oder Freizeitaktivitäten auf der anderen Seite. Eine sorgfältig dosierte Allokation in Staatsanleihen kann daher weiterhin sinnvoll sein.

Was den Aktienmarkt betrifft, hängt vieles davon ab, ob die beschriebenen Entwicklungen als Übertreibung oder als struktureller Wandel interpretiert werden. Zwar spielt eine gewisse Euphorie bei Gewinnprognosen und Privatanlegerverhalten eine Rolle, doch die veränderte Anlegerstruktur – unterstützt durch Trading-Apps und (zugegeben oft hektische) Online-Foren – deutet auf eine längerfristige kulturelle Veränderung hin, die insgesamt eher den bewährten Buy-and-Hold-Ansatz unterstützt.

Investiert bleiben – langfristige Widerstandsfähigkeit bedeutet nicht kurzfristige Unverwundbarkeit

Gleichzeitig sollten starke Erhöhungen der Aktienquote und hektische Käufe an schwachen Tagen vermieden werden. Zwar zeigt sich der US-Aktienmarkt robust, doch steigende Bewertungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit kurzfristiger Rückschläge. Für viele Investoren ist ein gleichmässiger Verlauf der Investitionen fast genauso wichtig wie das langfristige Ziel selbst. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, die eigene Risikotragfähigkeit regelmässig zu überprüfen, statt reaktiv das Portfolio umzuschichten. So bleibt man auch künftig in der Lage, mit positiven wie negativen Überraschungen umzugehen.



Julian Howard ist Chief Multi-Asset Investment Strategist bei GAM Investments. Dieser Artikel spiegelt die Sichtweise des Multi-Asset-Teams von GAM wider.

Julian Howard

Chief Multi-Asset Investment Strategist
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Quellen
* Bloomberg, 4. Mai 2026.
1AQR, Q1 2023, „A Changing Stock-Bond Correlation
2OECD, März 2026, “Testing Resilience”, Economic Outlook, Interim Report
3IWF Weltwirtschaftsausblick, April 2026.
4JP Morgan, August 2025, “A decade in the market: How retail investing behavior has shifted since 2015


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