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Warum die durch KI bedingte wirtschaftliche Ungleichheit Investoren nicht beunruhigen sollte
Warum die durch KI bedingte wirtschaftliche Ungleichheit Investoren nicht beunruhigen sollte
19. Juni 2026
Ökonomen und Strategen wird seit Langem vermittelt, dass die US-Wirtschaft von den Konsumenten dominiert wird, und dies wird natürlich durch den im Laufe der Zeit belegten Beitrag des Konsums zum Wirtschaftswachstum bestätigt. Die Schätzungen zum Anteil des Konsums am US-Bruttoinlandprodukt (BIP) bewegten sich seit dem Jahr 2000 je nach Methodik in der Regel zwischen 66 und 70 Prozent1. Doch die relative Dominanz der Konsumenten ist keine Konstante, und seit Kurzem machen sich in der grössten Volkswirtschaft der Welt neue Quellen des industriellen Wachstums bemerkbar. Ein Grossteil davon hängt mit Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) und andere Technologien zusammen – man denke an Rechenzentren und Automatisierung.
Für Investoren wirft dies spannende und relevante Fragen auf: Ist es problematisch, wenn sich die Wirtschaft angesichts der historischen Abhängigkeit sowohl der Wirtschaft als auch des Aktienmarktes von einem starken und stabilen Konsum vom Konsum selbst abwendet? Oder bestätigt der Wandel der Wirtschaft tatsächlich die Entwicklungen am Aktienmarkt? Meiner Meinung nach steht viel auf dem Spiel, da die Bewertungen am US-Aktienmarkt relativ hoch sind: Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis des breiter gefassten S&P 500 lag am 11. Juni beim 21,5x, verglichen mit einem Durchschnitt von 18,2x seit Ende der 1980er Jahre.* Der bevorstehende Börsengang von SpaceX mit einem Kapitalbeschaffungsziel von 75 Milliarden USD – was einer Bewertung von 1,75 Billionen USD entspricht2 – scheint für sich genommen die Dringlichkeit noch zu verstärken.
Veränderte Gewohnheiten – der Konsum dominiert, doch die Investitionen nehmen zu:
Beitrag zum realen BIP-Wachstum, Veränderung ggü. dem Vorjahr in %
US-Konsumenten spüren den Druck
Beginnen wir mit den US-Konsumenten: Diese hatten es seit dem Jahr 2020 sicherlich nicht leicht. Die Reallöhne sind seitdem kaum gestiegen3; Daten des Bureau of Labor Statistics deuten darauf hin, dass die Reallöhne im Jahr bis Ende Mai 2026 im Durchschnitt um gerade einmal 0,5 Prozent gestiegen sind.4 Einfach ausgedrückt: Seit einem halben Jahrzehnt gab es für die meisten Amerikaner keinen erkennbaren Anstieg der Kaufkraft.5 Die Gründe dafür sind vielfältig, doch das Hauptproblem ist die unerwartet hohe Inflation in der US-amerikanischen – und tatsächlich auch in der globalen – Wirtschaft seit dem Ende der Pandemie, was dazu geführt hat, dass die Löhne zwar gestiegen sind, aber einfach nicht mit der Inflation Schritt halten konnten. Auch die Ungleichheit könnte dabei eine unerwünschte Rolle spielen, da besser verdienende und höher qualifizierte Arbeitnehmer der Inflation in einer Weise voraus sind, wie es der Rest der Erwerbsbevölkerung einfach nicht schafft.6 So oder so sind die Folgen meiner Ansicht nach deutlich erkennbar: veränderte Gewohnheiten, darunter ein allgemein zurückhaltenderer Konsum seit dem Jahr 2020 und – bezeichnenderweise – die Tatsache, dass Discounter wie Walmart besser abschneiden als traditionellere Konkurrenten wie Macy’s, da die Konsumenten eher auf Sparsamkeit als auf Qualität setzen.7 Der neue CEO von Kraft Heinz, Steve Cahillane, brachte es Anfang Mai auf den Punkt, als er gegenüber Bloomberg erklärte: «Den Konsumenten geht gegen Ende Monat buchstäblich das Geld aus.»8
KI treibt einen neuen industriellen Aufschwung an
Gleichzeitig erleben Teile der Wirtschaft einen regelrechten Boom, nicht zuletzt in den Bereichen Rechenzentrumsbau, Automatisierung sowie Luft- und Raumfahrt und Verteidigung. Eine Schätzung von Morgan Stanley geht von atemberaubenden Investitionsausgaben in Höhe von 800 Milliarden USD allein in diesem Jahr durch die Technologie-«Hyperscaler» aus, die grösstenteils in KI-Infrastruktur und Rechenzentren fliessen sollen.9 Diese neue industrielle Wirtschaft verläuft nicht nur parallel zu den Entwicklungen im Konsumsektor, sondern könnte bereits Anzeichen dafür zeigen, dass sie für Teile der Erwerbsbevölkerung eine Bedrohung darstellt. KI und Automatisierung werden oft eingesetzt, um den Arbeitskräftebedarf in gewerblichen und industriellen Prozessen zu senken, was darauf hindeutet, dass sich diese Trends als nachhaltig erweisen könnten. Die neuesten Zahlen zum BIP-Beitrag in der Abbildung fassen die Situation prägnant zusammen. Der private Konsum wuchs im ersten Quartal 2026 auf Jahresbasis um lediglich 1,6 Prozent.* Zwar gingen die Investitionen in Wohnimmobilien, Bürogebäude und Transportmittel zurück, doch stiegen sie bei Technologieausrüstung um 43 Prozent, bei Software um 23 Prozent und bei Rechenzentren um 22 Prozent*. Das «Wall Street Journal» schätzte kürzlich, dass die «KI-Wirtschaft» im ersten Quartal 2026 um 31 Prozent10 gewachsen ist, während sich die Nicht-KI-Wirtschaft im Vergleich dazu sehr verhalten entwickelte.11 Darüber hinaus hat David Sacks, der ehemalige KI-Beauftragte der US-Regierung, durchaus plausibel prognostiziert, dass KI im Jahr 2026 zwei Prozent12 zum Wirtschaftswachstum der USA beitragen wird.
Der Aktienmarkt spiegelt die neue wirtschaftliche Realität wider
Dies bringt uns nahtlos zurück zum Aktienmarkt, der erneut von den «Magnificent 7» – Alphabet, Amazon, Apple, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia, Tesla – sowie anderen KI-bezogenen Titeln wie beispielsweise dem Hersteller von Hochbandbreiten-Speicher Micron dominiert wird.13 Für manche sind die jüngsten Kursgewinne am Aktienmarkt, die von diesen Technologie- und damit verbundenen Aktien getrieben werden, zu einem regelrechten systemischen Risiko geworden. Die stellvertretende Gouverneurin der Bank of England, Sarah Breeden, warnte Ende April: «Es gibt viele Risiken, und dennoch befinden sich die Vermögenspreise auf Allzeithochs. Wir rechnen damit, dass es irgendwann zu einer Korrektur kommen wird.»14 Tatsächlich lässt sich die Diskrepanz in den USA zwischen robusten Aktienmärkten einerseits und Konsumenten, die angesichts negativer Realeinkommen bei ihren Einkaufsgewohnheiten Abstriche machen, andererseits immer schwerer ignorieren. Dies hat auch die Kritik an der sogenannten «K-förmigen» Wirtschaft15 wieder angefacht, von der offenbar nur eine ausgewählte Gruppe von Gewinnern profitiert, während gleichzeitig eine ganze Kohorte von relativen Verlierern entsteht.
Die Geschichte des Aktienmarktes wiederholt sich zwar nie, aber sie reimt sich oft
Für Investoren ist die sich wandelnde Struktur der Wirtschaft und des Aktienmarktes jedoch etwas, womit im Laufe der Zeit zu rechnen ist. Eisenbahnaktien sind aus dem S&P 500 so gut wie verschwunden (es gibt nur noch drei16). Der Ölkonzern ExxonMobil macht mittlerweile nur noch ein Prozent des S&P 500 aus16, und fünf der «Magnificent 7» sind für sich genommen grösser als die gesamte Marktkapitalisierung des Ölsektors.17 In diesem Sinne sollte Amerikas neue Industriewirtschaft nicht mit mehr Misstrauen betrachtet werden als beispielsweise der Aufstieg der Automobilindustrie im 20.Jahrhundert. Fragen der Gleichheit und der Verdrängung auf dem Arbeitsmarkt sind sicherlich berechtigt, und die amerikanische Politik wird sich möglicherweise mit der potenziellen Herausforderung auseinandersetzen müssen, dass weniger qualifizierte Arbeitsplätze und Einkommen verschwinden. Es lässt sich argumentieren, dass es für die USA schwieriger sein wird, sich darauf einzustellen, da es keine weitreichende Tradition des Sozialstaates gibt, wie sie der typische Europäer kennen würde. Für Investoren, deren Fokus auf der Erzielung von Renditen liegt, könnten diese Veränderungen in der Wirtschaft jedoch ein gewisses Mass an fundamentaler Sicherheit hinsichtlich der gleichzeitigen Entwicklungen am Aktienmarkt bieten.
Die Entwicklungen in den einzelnen Sektoren scheinen dieselbe beruhigende Geschichte zu vermitteln
Typischen Marktblasen wird oft vorgeworfen – und sie zeichnen sich tatsächlich dadurch aus –, dass sie jeglicher wirtschaftlichen Realität entkoppelt sind. Ein kurzer Blick auf die Sektorerträge des S&P 500 im bisherigen Jahresverlauf zeigt jedoch eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit den Entwicklungen in der realen Welt. Der Energiesektor schneidet vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs zweifellos gut ab – ein Faktor, der im Falle einer Lösung des Konflikts an Bedeutung verlieren könnte. Noch aussagekräftiger ist jedoch, dass die Sektoren Technologie und Industrie eine aussergewöhnlich starke Performance zeigen, während der Sektor «Zyklische Konsumgüter» hinterherhinkt – all dies steht in engem Zusammenhang mit dem beschriebenen Aufstieg der neuen Industriewirtschaft. Die jüngste Entwicklung am Aktienmarkt mag in manchen Kreisen Unbehagen auslösen, doch wer nach Anzeichen für eine Entkopplung von der Realität sucht, wird in der Wirtschaft bislang keine entsprechenden Belege finden.
Das ergibt Sinn – die Sektorrenditen scheinen eng mit den wirtschaftlichen Entwicklungen zusammenzuhängen:
Sektorenperformance des S&P 500 seit Jahresbeginn bis 10. Juni 2026
Julian Howard ist Chief Multi-Asset Investment Strategist bei GAM Investments. Dieser Artikel gibt die Ansichten des Multi-Asset-Teams von GAM wieder.
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