Multi-Asset-Perspektiven 2. Quartal:
Aufschwung oder Abschwung?
Aufschwung oder Abschwung?
8. Juli 2026
Rückblick
Im zweiten Quartal 2026 verzeichneten globale Aktien, gemessen am MSCI AC World Index in Landeswährung, eine äusserst starke Rendite von 15,3 Prozent. Ob dieses Ergebnis als unglaublich oder als wenig überraschend empfunden wurde, hing weitgehend von der jeweiligen Marktperspektive ab. Unglaublich für diejenigen, die den Krieg im Iran und dessen Auswirkungen auf die Strasse von Hormus sowie auf den Brent-Rohölpreis im Blick hatten, der im April die Marke von 110 USD pro Barrel überschritt, bevor er sich Ende Juni bei immer noch hohen 73 USD pro Barrel einpendelte1. Die US-Verbraucherpreisinflation stieg im Mai aufgrund des damit verbundenen Anstiegs der Energiekosten entsprechend auf über vier Prozent und lag damit mehr als zwei Prozentpunkte über dem Mandat der US-Notenbank (Fed). Das von der University of Michigan gemessene Verbrauchervertrauen brach, wie zu erwarten war, ein.2
Doch diese Turbulenzen in der amerikanischen Konsumwirtschaft haben das eine Thema, das weiterhin alles vor sich herfegt, kaum berührt – natürlich die Künstliche Intelligenz (KI). Die starken Unternehmensgewinne des Technologie-Sektors im ersten Quartal – dem Epizentrum der KI-Revolution – deuteten darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine Wiederholung des spekulativen Tech-Booms der späten 1990er Jahre handelte, auch wenn der erfolgreiche Börsengang von SpaceX gegen Ende des Berichtszeitraums unserer Ansicht nach auf eine fast schon spekulative Nachfrage von Kleinanlegern nach inspirierenden technologiebasierten Geschichten hindeutete.
Tatsächlich hat sich die reale US-Wirtschaft zunehmend auf eine neue industrielle Basis in Form von Rechenzentren, Automatisierung, Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung neu ausgerichtet. Der US-Aktienmarkt hat diese neue Wirtschaft im Grossen und Ganzen korrekt widergespiegelt, wobei Technologie- und Industrieaktien die Performance anführten und Aktien aus dem Bereich zyklischer Konsumgüter hinterherhinkten. Ausserhalb der USA blieb das Thema Künstliche Intelligenz allgegenwärtig. Aktien aus Schwellenländern entwickelten sich aussergewöhnlich gut: Der MSCI Emerging Markets Index erzielte im Quartal eine Rendite von 24,1 Prozent, gegenüber 14,9 Prozent beim MSCI AC World Index3. Die Performance wurde durch einen leicht schwächeren USD gestützt, aber auch dadurch, dass Technologie- und Fertigungsgrössen wie Taiwan und Südkorea eine so entscheidende Rolle in der globalen Halbleiter- und Speicherchip-Produktion einnehmen. Auch japanische Aktien schnitten gut ab, da Japan ein wichtiger Lieferant der für die KI-Infrastruktur benötigten Maschinen ist und sich zudem durch eine anhaltende, auf die Aktionäre ausgerichtete Unternehmenspolitik sowie durch politische Stabilität im Zuge des erdrutschartigen Wahlsiegs zu Beginn dieses Jahres auszeichnet4.
Europa blieb angesichts der stagnierenden deutschen Wirtschaft und des anhaltenden industriellen Wettbewerbs durch China etwas zurück. Volkswagen kündigte im Laufe des Quartals den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen an.5 Gegen Ende des Berichtszeitraums hob die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen auf 2,25 Prozent an6, um die steigende Inflation einzudämmen – ein Schritt, vor dem viele Kommentatoren warnten, da er die berüchtigten geldpolitischen Fehler wiederholen könnte, die während der globalen Finanzkrise 2008 bzw. der Eurokrise 2011 begangen wurden.
Abbildung 1: Investitionen steigen, Konsum sinkt – das BIP des 1. Quartals spiegelt die industrielle Konjunktur wider:
Beiträge zum realen BIP-Wachstum der USA, Veränderung in Prozent gegenüber dem Vorjahr (31. Dez. 2011 – 31. März 2026)

Ausblick
Die brennende Frage für viele Investoren, Analysten und Kommentatoren lautet heute: Befinden wir uns in einer Art KI- und technologiegetriebenen Blase, die kurz vor dem Platzen steht und den Markt in eine generationenübergreifende Korrektur stürzen wird? Die Zukunft lässt sich natürlich nicht vorhersagen, doch es gibt einige Unterschiede zwischen der heutigen Situation und ihrem nächsten Präzedenzfall, dem Technologieboom Ende der 1990er Jahre. Zunächst einmal scheinen die Unternehmensgewinne derzeit in guter Verfassung zu sein: Die Wall Street prognostiziert für den S&P 500 ein atemberaubendes Gewinnwachstum von 23 Prozent im Jahresvergleich7. Die KI-Hyperscaler (grosse Cloud- und KI-Infrastrukturunternehmen) geben in diesem Jahr zwar fast 800 Milliarden USD für Infrastruktur aus8, erwirtschaften aber auch enorme Gewinne. Allein Anthropic meldete im April einen annualisierten Umsatz von 30 Milliarden USD (gegenüber einer Milliarde USD im Januar 2025)9, während OpenAI einen annualisierten Umsatz von «nur» 25 Milliarden USD auswies10. Beide Unternehmen könnten möglicherweise schon gegen Ende dieses Jahres an die Börse gehen.
Zudem sind die Bewertungen des breiter gefassten S&P 500 einfach nicht so hoch wie Ende der 1990er Jahre. Etwas mehr als dreieinhalb Jahre nach dem Telekommunikationsgesetz von 1996 und der Einführung von ChatGPT im Jahr 2022 (9. September 1999 bzw. 30. Juni 2026) lag das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 bei 25,8x bzw. 21,9x. Es hat eine bedeutende Verschiebung in der Nachfragebasis gegeben, die die Aktienmärkte stützt. Nach Angaben des JPMorganChase Institute verfügte im Jahr 2024 etwa ein Drittel der 25-Jährigen über ein Anlagekonto, was einer Versechsfachung gegenüber 2015 entspricht.11
Dies ist jedoch keine Garantie dafür, dass die Entwicklung an den Märkten ebenso stark und linear verlaufen wird wie in den letzten Monaten. Es wird auf diesem Weg unweigerlich zu einigen Enttäuschungen bei den Gewinnen kommen, und Regierungen könnten versuchen, die Anbieter von KI zu regulieren und zu besteuern, da diese Technologie wie alle Technologien vor ihr Gewinner und Verlierer hervorbringt. Die jüngste Enzyklika des Papstes zur Wahrung der Würde der Menschheit im Falle eines massiven Arbeitsplatzverlusts dient als Warnung, dass diese ungemein mächtige Technologie wahrscheinlich nicht auf Kosten aller anderen Überlegungen monetarisiert werden wird.
Ein weiteres Risiko bleibt die Geopolitik und ihre inflationären Folgen. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels war ein weiteres Abkommen zur Beendigung des Krieges mit dem Iran unterzeichnet worden. Die Zeit wird zeigen, ob es Bestand hat und wie schnell sich die Energiemärkte stabilisieren können, doch die Zentralbanken sind angesichts steigender Inflation in Alarmbereitschaft (wie die jüngsten Massnahmen und Äusserungen sowohl der EZB als auch der Fed zeigen). Jede Straffung der Geldpolitik könnte ein Risiko für die Marktentwicklung darstellen. Was auch immer die nächsten Monate bringen mögen: Investoren können in der Zwischenzeit die derzeit günstigen Marktbedingungen nutzen, um die Eignungsbegründungen ihrer Investitionen zu überprüfen und die Diversifikationskomponenten in ihren Portfolios zu straffen. Irgendwann könnten letztere – endlich – notwendig werden.
Abbildung 2: Der Verlust von Arbeitsplätzen – direkte Regulierung und Besteuerung von KI könnten bevorstehen:
Lohn- und Gehaltskosten in Prozent des US-BIP (1. Januar 1947 – 1. Januar 2026)

Julian Howard ist Chief Multi-Asset Investment Strategist bei GAM Investments. Dieser Artikel gibt die Ansichten des Multi-Asset-Teams von GAM wieder.
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