5. August 2026
- Unabhängig davon, welche Position man in der Debatte um die KI-«Blase» vertritt, bleibt die Diversifizierung des Portfolios von entscheidender Bedeutung
- Traditionelle Staatsanleihen haben diese Rolle seltsamerweise nicht erfüllt
- Investoren steht eine Vielzahl alternativer Ansätze im Bereich festverzinslicher Wertpapiere zur Verfügung
Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Künstliche Intelligenz (KI) heute den Investmentdiskurs dominiert, wobei heftig darüber debattiert wird, ob wir tatsächlich am Vorabend einer Revolution stehen, die die Gewinne sowohl der Wegbereiter als auch der Nutzniesser der KI für viele Jahre in die Höhe treiben wird. Befürworter verweisen auf die tatsächlichen, real erzielten Umsätze der grossen Sprachmodel-Entwickler: Anthropic hat kürzlich eine annualisierte Run Rate (ARR) von 30 Milliarden USD erreicht1, und OpenAI liegt nicht weit dahinter2. Beide Unternehmen werden voraussichtlich innerhalb der nächsten zwölf Monate an die Börse gehen3. Kritiker verweisen auf den Hype – SpaceX plant Rechenzentren im Weltraum, und am Aktienmarkt sind enorme Kursgewinne bei ehemals eher unauffälligen Titeln wie dem Speicherhersteller Micron zu beobachten, dessen Kurs seit Jahresbeginn bis zum 27. Juli dieses Jahres um schwindelerregende 216 Prozent gestiegen ist4.
Doch ganz gleich, welche Seite der Debatte überzeugender erscheint, eines hat sich nicht geändert: Seriöse Investoren aller Assetklassen müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie die Volatilität streuen können, die Aktienanlagen seit Jahrhunderten naturgemäss prägt und dies zweifellos auch weiterhin tun wird. Lange Zeit war die Standardlösung ein «60:40»-Portfolio, typischerweise eine Mischung aus Large-Cap-Aktien und einem Anteil an Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit, die dazu dienen sollten, die Schwankungen auszugleichen. Und dies war eine äusserst erfolgreiche Kombination.
Insbesondere US-Aktien erzielten über mehrere Jahrzehnte hinweg eine durchschnittliche jährliche Rendite von 6,5 bis sieben Prozent – ein Ergebnis, das nach Professor Jeremy Siegel als «Siegel-Konstante» bekannt geworden ist, der es in seinem Buch «Stocks for the Long Run»5 berühmt beschrieben hat, auch wenn die Renditen nicht in jedem Kalenderjahr positiv ausfielen. Und von den frühen 1980er-Jahren bis in die frühen 2020er-Jahre legten auch US-Staatsanleihen zu und boten im Allgemeinen Diversifizierungsvorteile, wenn Aktien ins Straucheln gerieten.6 Die günstigen Anleihemärkte waren zu einem grossen Teil dem Vorsitzenden der US-Notenbank, Paul Volcker, zu verdanken, der Anfang der 1980er-Jahre die Geldpolitik straffte, um die Preisschocks der 1970er-Jahre endlich unter Kontrolle zu bringen. In den 1990er- und 2000er-Jahren senkte die Globalisierung dann die Kosten für Industriegüter, da Asien seine Arbeitskräfte nutzen und freier exportieren konnte.
Staatsanleihen profitierten lange Zeit von strukturellem Rückenwind, da die Renditen sanken und die Kurse stiegen – ein Spiegelbild dieses Umfelds mit niedriger Inflation, das als «The Great Moderation» bekannt wurde. So weit, so gut für die Investoren. Doch im Zuge der Covid-19-Pandemie änderte sich das Muster. Anleihen legten nicht mehr kontinuierlich zu und begannen, das 60:40-Portfoliokonzept zu ungünstigen Zeitpunkten zu stören. Russlands Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022, Donald Trumps Ankündigung von Zöllen am «Liberation Day» im April 2025 und zuletzt der im Februar 2026 beginnende Krieg mit dem Iran führten dazu, dass US-Staatsanleihen zeitgleich mit den Aktien verkauft wurden. Die «40» versagte, und das blieb nicht unbemerkt.
Im April dieses Jahres veröffentlichten renommierte Forscher von AQR eine ausführliche Studie zu diesem Phänomen und stellten fest, dass «die Korrelation zwischen Aktien und Staatsanleihen, die einst recht zuverlässig negativ war, vor einigen Jahren ins Positive umgeschlagen ist». Die zentralen Fragen für diejenigen, die sowohl an der Zusammenstellung als auch an der Anlage in langfristig ausgerichtete Portfolios beteiligt sind, lauten: Warum hat sich dies geändert, wird sich der Trend wieder umkehren und, falls nicht, welche Alternativen sollten in Betracht gezogen werden?
Abbildung 1: Naughty Forty – «klassische» Anleihen dienen nicht mehr der Diversifizierung gegenüber Aktien
Fünfjahreskorrelation zwischen dem S&P 500 und dem Bloomberg US Aggregate Bond Index, vom 31. Dezember 1999 bis 27. Juli 2026
Der Bloomberg US Aggregate Bond Index ist ein breit angelegter Leitindex, der den Markt für steuerpflichtige festverzinsliche Anleihen mit Investment-Grade-Rating und auf USD lautende Anleihen misst. Der Index umfasst Staatsanleihen, staatlich unterstützte Wertpapiere und Unternehmensanleihen, hypothekenbesicherte Wertpapiere (MBS), forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS) sowie gewerblich hypothekenbesicherte Wertpapiere (CMBS).
Die Gründe für diese Veränderung sind nicht nur von rein akademischem Interesse. Zu verstehen, was sich bei Anleihen verändert hat, ist entscheidend, um festzustellen, ob ihre Diversifizierungseigenschaften jemals «zurückkehren» werden und ob es an der Zeit ist, nach Alternativen zu suchen. Der erste Punkt, der hier anzumerken ist, ist, dass das makroökonomische Umfeld deutlich inflationärer geworden ist und sich Anleihen entsprechend angepasst haben. Seit dem Ende der Covid-19-Pandemie wurde die Inflation von Zentralbanken wie der Federal Reserve durchweg unterschätzt. Im Nachgang an diese Krisensituation wurde die US-Notenbank immer wieder dafür kritisiert (nicht zu Unrecht), dass sie den Inflationsanstieg lediglich als «vorübergehend» eingeschätzt hatte. Dann marschierte Russland in die Ukraine ein, was angesichts der Sanktionen des Westens als Reaktion auf die russische Aggression zu einem Anstieg der Ölpreise führte. Knapp drei Jahre später begann Donald Trumps zweite Amtszeit als US-Präsident, und seine protektionistische Haltung kristallisierte sich rund um den «Liberation Day» heraus, der mit einem Schlag im Alleingang die Ära der Globalisierung und damit implizit auch die damit einhergehende niedrige Inflation umkehren sollte.
Im Februar 2026 folgte ein weiterer Energieschock durch den Krieg, in den der Iran verwickelt war, wodurch die Brent-Rohöl-Futures im März und April dieses Jahres auf fast 120 USD pro Barrel in die Höhe schossen (am 27. Juli lagen sie immer noch bei 85 USD)7. Zentralbanker sorgen sich oft um die «Entankerung» der Inflationserwartungen, bei der die Öffentlichkeit die Inflation in ihrem Umfeld wahrnimmt und daraufhin eine höhere Inflation erwartet, was wiederum in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu noch mehr Inflation führt. Dies lässt sich nur schwer eindämmen, nicht zuletzt, weil die Zentralbanken im Falle von Angebotsschocks nicht einfach mehr Öl aus dem Hut zaubern können. Stattdessen bleibt ihnen nur das stumpfe Instrument der Zinssätze, das – würde es zur Steuerung der unelastischen Energienachfrage eingesetzt – eine brutale und inakzeptable Rezession auslösen würde. Angesichts der Unvorhersehbarkeit der geopolitischen Lage und der zunehmend fatalistischen Sichtweise der Konsumenten auf künftige Preissteigerungen lässt sich daher kaum argumentieren, dass von hier aus eine Rückkehr zu einem günstigeren Inflationsumfeld möglich ist.
Diese Unsicherheit nährt einen weiteren Treiber für höhere Anleiherenditen (und tiefere Kurse), nämlich die steigende Laufzeitprämie bei US-Staatsanleihen. Einfach ausgedrückt handelt es sich dabei um eine zusätzliche Rendite, die Kreditgeber der US-Regierung als Ausgleich für die Unklarheit nicht nur hinsichtlich der künftigen Inflation und der Zinssätze, sondern auch der fiskalischen (Steuer-)Politik verlangen. Die USA haben Schulden in Höhe von fast 40 Billionen USD, Tendenz steigend. Laut Bloomberg Economics stammen ganze 0,7 Prozent der Rendite von 4,6 Prozent auf US-Staatsanleihen per 27. Juli aus dieser Unsicherheitsprämie, die Anleihegläubiger als Preis dafür verlangen, «Uncle Sam» vor dem Hintergrund zunehmend volatiler makroökonomischer und geopolitischer Rahmenbedingungen Geld zu leihen.
Auch andere Faktoren tragen zum Kursrückgang der Anleihen bei, und an dieser Stelle ist es wohl erwähnenswert, dass China sich von der Gewohnheit löst, Geld in US-Staatsanleihen zu parken. Seine Bestände sind von über einer Billion USD im Jahr 2011 auf heute knapp über 600 Milliarden USD gesunken.8 Da diese Anleihen nach und nach auf den internationalen Märkten abgestossen werden, haben sie unweigerlich eine preissenkende Wirkung. Und China könnte seine Bestände noch ein weiteres Jahrzehnt lang abbauen, sollte es sich dazu entschliessen. Insgesamt betrachtet scheinen die besprochenen Faktoren weitaus eher struktureller als vorübergehender Natur zu sein.
Doch Investoren müssen nicht verzweifeln. Die dramatischen Behauptungen, Markowitz’ ursprüngliches Konzept der Portfoliodiversifikation sei tot, sind viel zu übertrieben und entsprechen schlichtweg nicht der Realität. Stattdessen sollten Investoren wirksame alternative Ansätze im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere in Betracht ziehen, die es durchaus gibt. Drei Beispiele stechen dabei besonders hervor: versicherungsgebundene Katastrophenanleihen (Cat Bonds), hypothekenbesicherte Wertpapiere und Schwellenländeranleihen.
Katastrophenanleihen sind Wertpapiere, die es Versicherern und Rückversicherern ermöglichen, das finanzielle Risiko grosser Naturkatastrophen wie Hurrikane oder Erdbeben auf Investoren zu übertragen. Im Gegenzug erhalten die Anleger regelmässige Kuponzahlungen; tritt jedoch eine vordefinierte Katastrophe ein, können sie einen Teil oder den gesamten Kapitalbetrag verlieren, der zur Deckung der versicherten Schäden verwendet wird. Ein erfahrener Cat-Bond-Manager kann ein gut diversifiziertes Portfolio aus diesen Anleihen aufbauen, das im Laufe der Zeit einen stetigen Ertrag aus Kuponzahlungen gewährleistet, ohne sich übermässig einem einzelnen Naturkatastrophenrisiko auszusetzen. Zudem kann er im Anschluss an solche Ereignisse handeln, um unerwünschte Anleihen zu tieferen Preisen zu erwerben. Der Hauptvorteil für Portfoliostrategen liegt in der relativen Unabhängigkeit dieser Anleihen von den Entwicklungen an traditionellen Kapitalmärkten wie Aktien oder Staatsanleihen.
Hypothekenbesicherte Wertpapiere (MBS) bieten unterdessen eine weitere Diversifizierungsmöglichkeit, da sie Cashflows aus den Hypothekenzahlungen einer Gruppe verantwortungsbewusster Eigenheimbesitzer generieren. Sie unterscheiden sich von US-Staatsanleihen dadurch, dass sie eine zusätzliche Rendite bieten, um Schwankungen der Immobilienmarktbedingungen und Refinanzierungsaktivitäten bei Hypotheken auszugleichen. Auch hier wird ein erfahrener MBS-Manager ein Portfolio geschickt verwalten, das diese Faktoren antizipiert, was zu einem Renditeprofil führt, das erfrischend unabhängig von traditionellen US-Staatsanleihen ist.
Schliesslich beziehen sich Schwellenländeranleihen auf Obligationen, die von Regierungen oder Unternehmen in Entwicklungsländern begeben werden. Höhere Renditen als bei entsprechenden Anleihen aus Industrieländern sind die Belohnung für das Eingehen von Risiken wie politische Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheit und Währungsschwankungen. Auch hier können spezialisierte Manager diese höheren Renditen aus einem Portfolio erzielen und gleichzeitig die beschriebenen Risiken so erfolgreich steuern, dass das Kapital erhalten bleibt.
Abbildung 2: Besser, weil sie anders sind – «Cat»-Anleihen schneiden bei Aktieninstabilität tendenziell besser ab
Vom 28. Dezember 2001 bis 28. Juli 2026

Die rechte Achse zeigt das Verhältnis des Swiss Re Cat Bond Index zum MSCI AC World Index. Steigende Werte weisen auf Zeiträume hin, in denen Cat Bonds im Vergleich zu globalen Aktien eine Outperformance erzielten. Quelle: Bloomberg, Hedge Fund Research (HFR). Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse. Die angegebenen Ereignisbezeichnungen dienen der Veranschaulichung: «TMT Unwind» bezieht sich auf das Platzen der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsblase (TMT); «GFC» bezieht sich auf die globale Finanzkrise; «Lib Day» bezieht sich auf die Ankündigung der Zölle am US Liberation Day.
Die Notwendigkeit der Diversifizierung ist eine allgegenwärtige Tatsache beim Investieren. So positiv sich die Entwicklung an den Aktienmärkten in den letzten Jahren auch dargestellt haben mag – ernsthafte Investoren können es sich nicht leisten, selbstgefällig zu werden. Abgesehen von allem anderen wünschen sich die meisten Investoren ein gewisses Mass an Glättung im Verlauf ihrer Anlagezeit, wobei sich nur sehr wenige dafür entscheiden, die von Aktien naturgemäss erzeugte Volatilität einfach hinzunehmen, es sei denn, ihr Anlagehorizont erstreckt sich tatsächlich über mehrere Jahrzehnte. Vor diesem Hintergrund ist das Erfordernis der Glättung heute zu einer gewissermassen heiklen Anlageherausforderung geworden. Der 60:40-Ansatz, der so lange so gut funktioniert hat, scheint in den letzten Jahren endlich an Schwung verloren zu haben, nachdem wiederholte Inflationsschocks die Weltwirtschaft erschüttert haben. Angesichts der heutigen Polarisierung in Politik und internationalen Beziehungen ist es nicht abwegig anzunehmen, dass sich die Lage bei US-Staatsanleihen so schnell nicht wieder normalisieren wird, was bedeutet, dass der Aufwärtsdruck auf die Renditen und der Abwärtsdruck auf die Kurse noch eine Weile anhalten dürften.
Glücklicherweise gibt es alternative Ansätze im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere, wobei Katastrophenanleihen, MBS und Schwellenländeranleihen nur drei Beispiele sind, die mir spontan einfallen. Sie alle können auf ihre jeweilige Weise zur Diversifizierung beitragen, doch gibt es hierbei einen wichtigen Vorbehalt: Keine von ihnen ist eine «Fire-and-Forget»-Lösung, wie es US-Staatsanleihen in den Anlegerportfolios geworden waren. Aufgrund ihrer einzigartigen Merkmale und Eigenschaften erfordern sie eine sorgfältige und fachkundige Verwaltung. Wenn jedoch der richtige Anbieter gefunden wird, bieten sie potenziell einen wirksamen neuen Ansatz für die Portfoliodiversifikation.
Julian Howard ist Chief Multi-Asset Investment Strategist bei GAM Investments. Dieser Artikel gibt die Ansichten des Multi-Asset-Teams von GAM wieder.